Priesterseminar – größter Zuwachs seit Jahren

Foto: Franz Josef Rupprecht / Kathbild.at

St. Pölten, 6.11.2020 (dsp/mb) Vierzehn neue Priesteramtskandidaten gibt es seit diesem Herbst im Priesterseminar in der Wiener Boltzmanngasse. Elf davon gehören zur Erzdiözese Wien, die drei übrigen zu den Diözesen St. Pölten und Eisenstadt. Das Haus ist seit 2012 die gemeinsame Ausbildungsstätte der drei Diözesen St. Pölten, Eisenstadt und Wien.

Die heurige Eintrittszahl sticht aus dem allgemeinen Trend im gesamten deutschen Sprachraum deutlich heraus. Mit den heurigen Neuzugängen zählt das Seminar in Wien 52 Kandidaten für das Priesteramt. 35 von ihnen bereiten sich auf den Dienst in der Erzdiözese Wien vor, neun für die Diözese St. Pölten, sechs für die Diözese Eisenstadt und zwei sind Gäste der ukrainisch-katholischen Kirche.

Bunt wie die Gesellschaft und die Kirche
In vielerlei Hinsicht spiegelt das Priesterseminar die gesellschaftliche und religiöse Großwetterlage wider. Längst hat das klassische System, ein Priesterseminar in „Jahrgängen“ zu führen, ausgedient. Zu breit ist allein das Altersspektrum. Der älteste der 52 Priesteramtsanwärter ist Jahrgang 1946, der Jüngste wurde im Jahr 2000 geboren. Dementsprechend unterschiedlich sind auch ihre Biographien. Es finden sich unter ihnen frühere Beamte, Musiker, Chemiker, Führungskräfte in internationalen Unternehmen, Lebensmitteltechniker, Krankenpfleger genauso, wie ein Universitätsassistent.

Ebenso vielfältig wie ihr beruflicher Werdegang ist ihre Herkunft: 25 Seminaristen stammen aus verschieden Bundesländern Österreichs, zwölf aus Deutschland, sechs aus Polen, zwei aus der Ukraine, zwei aus Kroatien, sowie jeweils einer aus Montenegro, Indien, Sri Lanka, und Nigeria. Manche der Nichtösterreicher sind hier bereits geboren, andere leben seit Jahren hier und einige unter ihnen haben sich aufgrund familiärer oder freundschaftlicher Beziehungen zu Österreich entschlossen, hier Priester werden zu wollen.

Sehr unterschiedlich sind auch die persönlichen Berufungsgeschichten. Für manche führte der Weg über Entfremdung oder gar Kirchenaustritt und schließlich starker, persönliche Gotteserfahrungen ins Priesterseminar. Andere bringen Vorerfahrungen in Orden oder neuen geistlichen Gemeinschaften mit.

Bewusste Entscheidung für Wien
„Ich habe mich für den Eintritt ins Wiener Priesterseminar entschieden, weil die Wiener Ortskirche im deutschen Sprachraum durch eine unglaubliche Vielfalt in geistlicher Hinsicht hervorsticht“, so Matthias Ruzicka, der vor einem Jahr ins Seminar eingetreten ist. Die Vielfalt der Biographien, Kulturen und persönlichen Glaubensgeschichten seiner Kollegen nimmt der 25-jährige Niederösterreicher als „echte Bereicherung“ war.

Innerkirchlichen Vorbehalten, die neue Generation der Priesteramtskandidaten sei tendenziell konservativ, kann der junge Seminarist nicht nachvollziehen. „Konservativ“ oder „liberal“ seinen keine Kategorien mehr. Die Glaubensgeschichten von Seminaristen heute sind viel zu bunt. Allen gemeinsam ist eine bewusste, reife Glaubensentscheidung. Das entspricht auch der Wahrnehmung von Vizeregens, Mag. Markus Muth. „Wenn vor zwanzig Jahren das Kollar (der klassische Priesterkragen) noch ein konservatives Statement war, so stehen heutige Seminaristen auf dem Standpunkt: „Warum sollen wir das den Traditionalisten überlassen?“, so Muth. Ein Seminarist komme im Gegensatz zu den Generationen vor ihm durchwegs nicht mehr aus dem klassisch kirchlichen Umfeld, sondern sei oft von einem individuellen Glaubensweg geprägt.

Anspruchsvolle Ausbildung
Um dieser Vielfalt an Voraussetzungen gerecht zu werden, ist die Priesterausbildung in sechs Phasen unterteilt, die auch individuelle Anpassungen erlauben. Das Theologiestudium, in der Regel an der theologischen Fakultät der Universität Wien, ist selbstverständlicher Teil der Ausbildung.

Die erste Phase besteht in einem Vorbereitungsjahr, dem „Propädeutikum“. Es folgt eine mehrjährige Ausbildungszeit im Seminar, gefolgt von einem „externen Jahr“, das dem Seminaristen ermöglicht, Glaube und Seelsorge in anderen europäischen, aber auch außereuropäischen Ländern kennenzulernen. Nach einer weiteren „internen“ Zeit im Seminar und einem „praktisches Jahr“, das dazu dient, auch außerhalb des kirchlichen Umfelds Erfahrungen und Kompetenzen zu erwerben, folgt in der Regel die Vorbereitung auf das Diakonat.

Mit der Diakonweihe verpflichtet sich der Priesteramtskandidat bereits zur zölibatären Lebensform und zum kirchlichen Stundengebet. Im Normalfall erfolgt ein Jahr später die Priesterweihe.

Die anspruchsvolle Ausbildungszeit, die im Schnitt 6-7 Jahre dauert, erfordert natürlich kompetente Begleitung. Dem Regens des Priesterseminars, Dr. Richard Tatzreither stehen die Subregenten Mag. Markus Muth (Erzdiözese Wien), Mag. Nikola Vidovic (Diözese St. Pölten) und P. Lorenz Voith CSsR (Diözese Eisenstadt) zur Seite. P. Michael Messner SJ und Dr. Peter Miskic sind als Spirituale für die geistliche Begleitung der Seminaristen verantwortlich.