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Silvesterpredigt Bischof Schwarz: Miteinander statt übereinander reden

Bischof Dr. Alois Schwarz bei der Predigt

St. Pölten, 31.12.2018 (dsp) In allen Medien haben Sie einen Jahresrückblick lesen können. Aufgegliedert nach Monaten, Milieus, Kirchen und Gesellschaft, Politik, Kunst und Sport. Ich möchte das hier nicht wiederholen. Heute stehe ich hier, um mit Ihnen zu beten. Dankbar für die Jahre von Bischof Klaus Küng darf ich mit Ihnen als Bischof von St. Pölten die Freude über unser vertrauensvolles Miteinander feiern. Dankbar für die Aufnahme und die ersten Monate des gemeinsamen Arbeitens erlebe ich, dass Sie mein Dasein mit großer Wertschätzung begleiten.

Mit Bewunderung erlebten wir alle in den Tagen vor Weihnachten die Begeisterung und Spendenfreudigkeit für Licht ins Dunkel mit Ö3 am Rathausplatz hier in St. Pölten. Ein großartiges Zeichen der Hilfsbereitschaft der Menschen in unserem Land.   

Manche haben mir geschrieben, dass das Jahr sie verändert hat, weil ihnen ein Kind geschenkt wurde oder andere auch, weil sie jemand in Trauer verabschieden mussten und geweint haben. Vielleicht gab es Ereignisse, die Trauer ausgelöst haben, Tränen. Es gibt auch Augenblicke, wo man nicht weinen kann, wo es gut wäre, wenn man weinen könnte. Es gab Unterschiedliches im vergangenen Jahr, Herausforderungen und Aufregungen. 

Nach wie vor bleibt der Einsatz für den Schutz des Lebens, am Beginn und am Ende des Lebens etwas ganz Großes für uns. Am Beginn des Lebens oft verborgen, wenn Frauen um das Leben eines Kindes ringen, niemanden haben, der mit ihnen redet.  Oder auch am Ende des Lebens, wenn Menschen heute sehr alt werden und das Sterben und Loslassen dann oft so schwer ist. Dass man dann den Menschen zur Hand geht, dass sie eine Hand haben, die sie hält im Loslassen-Können des Lebens. Das ist eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft und vor allem einzelne ganz konkret stellen müssen.

In unserem Rückblick besteht eine anspruchsvolle Haltung darin, Vorkommnisse unseres Lebens, in denen das äußere Leben nicht gut zu uns ist, in denen wir mit Gewalt, Armut und Krankheit oder schlimmen Ereignissen konfrontiert sind, in denen unsere Projekte nicht gelingen und unsere Beziehungen scheitern, trotz des Scheiterns im Äußeren, innerlich das Leben zu bejahen. 

Wir bringen hier mit dem, was wir hier feiern, in das oft schwer zu durchschauende Knäuel unserer Gefühle, Gedanken und Motivationen, aber auch in unsere Enttäuschungen und Verletzungen eine innere Ausrichtung, dass das Leben gelingen kann. Manchmal ist ja wirklich einiges los in uns und bewegt uns. Wir brauchen eine Zeit des Nachdenkens, dass wir uns selbst besser kennenlernen, um ein gutes Leben zu führen. 

Dass das Leben sich von heute auf morgen ändern kann, das ist auch ein großer Schmerz und Schritt, den es auszuhalten gilt. Mein Jahreswechsel ist heuer geprägt vom Nachdenken darüber, was es bedeutet, wenn man angegriffen wird, wenn sich Freunde gegen einen wenden, wenn Fassungslosigkeit statt Vertrauen und Sprachlosigkeit und Vorwürfe statt dem offenen und vertrauten Gespräch plötzlich vorherrschen. Das (mit weniger Medienbeteiligung) erleben doch viele Menschen im persönlichen Umfeld, im Beruf, in zerrütteten oder zerstrittenen Familien, in Freundschaften. Daran nicht zu zerbrechen, sondern wachsen, oder weitervertrauen, ist eine Herausforderung.

Gerade vor dem Hintergrund des gestrigen Festes der Heiligen Familie geht es auch darum, dass auch im neuen Jahr jeder und jede Menschen finden soll, die gemeinsam durchstehen, zusammenhalten, gerade wenn das eigentlich Vertraute keinen Halt mehr gibt. Was fühlen Menschen, die aus gewalttätigen Familien kommen, woran halten diese sich an, wenn das eigentlich Wichtigste im Leben keine Option ist? 

Bei so einem persönlichen Jahresrückblick geht es auch um Vergebung: darum, zu vergeben, und auch darum, dass einem vergeben wird. Dass das, was unser Leben an Auswirkungen hat, den absichtlichen und den unabsichtlichen, auch schmerzen kann. Aber es liegt an uns mit Jesus Christus im Blick, nicht zu verbittern und hart zu werden, sondern verständnisvoll und liebevoll, auch wenn eigentlich Gefühle der Ablehnung, Zorn und Wut vorherrschen.

Es muss heute darum gehen, MITEINANDER und nicht ÜBEREINANDER zu sprechen, in einer auch im persönlichen Leben übermedialisierten Welt mehr denn je. Wir sind empathische Wesen - ohne persönlichen Kontakt, ohne persönliches Gespräch, ohne einem konkreten „DU“ funktioniert das Mitgefühl, das „Mit-Leid“, unsere vom Schöpfer in unsere Herzen eingeschriebene Menschlichkeit nicht. Der Bildschirm, das Papier, das Handy berühren uns nicht, nur der konkrete Mensch, die Umarmung, das gesprochenen Wort. Das hat sich unser Gott schon gut ausgedacht.

Wir nehmen die Verwundung unserer Seele mit und hoffen, dass die Narbe nicht allzu sehr blutet, wenn ein neues Jahr beginnt und die Erinnerung an Vergangenes uns plötzlich überkommt. Geben wir in den Dank an Gott das vergangene Jahr hinein - einem Gott, der in Jesus Christus einer von uns geworden ist, in allem dem Menschen gleich ist, außer der Sünde.

Für die Zukunft – in unserer so „aufgeheizten Empörungskultur“ (Michael Bordt SJ) mögen uns aus seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2019 drei Empfehlungen von Papst Franziskus helfen:

· Frieden mit sich selbst: Unnachgiebigkeit, Wut und Ungeduld zurückweisen und – wie der heilige Franz von Sales riet – „ein wenig Sanftmut an sich selbst“ üben, um „anderen ein wenig Sanftmut“ zu erweisen;

· Frieden mit dem anderen: mit dem Familienangehörigen, dem Freund, dem Armen, dem Leidenden ...; den Mut haben, ihnen zu begegnen, und ihrer Botschaft zuhören;

· Frieden mit der Schöpfung: die Größe des Geschenkes Gottes und seinen Teil der Verantwortung wiederentdecken, der jedem von uns als Bewohner der Welt, als Bürger und Gestalter der Zukunft aufgegeben ist.

Ich bin froh, dass wir einen Gott haben, der sich einlässt auf das Mensch-Sein. Wie oft haben wir ihn doch erfahren – den Mensch-gewordenen Gott an unserer Seite? Wie immer Sie ihn ansprechen mögen, Vater, Bruder, Jesus, Gott – vielleicht ist es einfach die Erfahrung einer inneren Kraft und Sie haben die Ahnung, dass das mit dem Göttlichen zu tun hat. Vielleicht ist es aber auch nur eine tiefe Sehnsucht und Sie erahnen darin die Spuren Gottes in Ihrem Leben. Tasten wir uns vor zu einem Wort der Dankbarkeit. Oder wie jetzt gesungen wird: Helft mir Gottes Güte preisen.