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Maria in der Ökumene

In der Geschichte der christlichen Religionen nimmt die Mutter Jesu, Maria, eine bedeutende Stellung ein. In allen christlichen Kirchen kommt ihr besondere Verehrung zu, doch immer nur in Hinblick, dass sie die Mutter Jesu Christi, des Erlösers, ist. Beim Ökumenischen Studientag am 24. November nahmen die Vertreter der ökumenischen Kirchen das Bild Mariens unter die Lupe und legten die Bedeutung Mariens in der evangelischen, orthodoxen, altkatholischen und katholischen Tradition dar. Der Studientag fand auf Einladung des ökumenischen Arbeitskreises unter Kanzler Dr. Gottfried Auer im Sommerrefektorium des Bistumsgebäudes statt. Maria kommt in der Bibel in zehn Ereignissen vor.
Angefangen von der Verkündigung durch den Engel Gabriel, ihr Gang zu Elisabeth sowie die Heimkehr nach Nazareth, sie wird bei der Geburt Jesu genannt, dann als die Weisen aus dem Morgenland kamen, als der 12-jährige Jesus im Tempel zurückblieb, bei der Hochzeit zu Kana, bei der Zurechtweisung "Wer den Willen meines Vaters tut, der ist mir Bruder und Schwestern und Mutter", dann noch unter dem Kreuz und in der Apostelgeschichte im Kreis der Jünger vor dem ersten Pfingstfest. "Es ist die Haltung von Maria, die uns so imponiert", sagte die evangelische Pfarrerin Baukje Leitner in ihren Ausführungen. Sie war bereit, in den Dienst des Heils zu treten. Dich immer weise Maria "demütig von sich selbst weg und auf Jesus hin". Gerade darin sei sie Vorbild für die Christen heute, sagte sie.

Die evangelische Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner erinnerte, dass gerade die Stellung Marias lange Zeit das Unterscheidungsmerkmal von katholischer und evangelischer Kirche gewesen sei. Heute sei Maria spirituell sehr gefragt. Sie sei als "die Glaubende" Vorbild für die Menschen. In der orthodoxen Kirche wird besonders die untrennbare Verbindung von Christus und Maria betont, die sich nicht nur in der Erwählung als Gottesgebärerin und durch die Geburt des Gottessohnes erweist, sondern auch in ihrem Tod und ihrer Aufnahme in den Himmel. Dies zeige sich in der überragenden Bedeutung der Gottesmutter im Glaubensleben orthodoxer Christen, die einen mystischen Zugang zu ihr gefunden haben.
"Von Maria sprechen heißt von Christus sprechen", skizzierte Bischof Bernhard Heitz die Marienvorstellung in der altkatholischen Kirche. Die Mariendogmen von 1854 und 1950 seien für die Gläubigen der altkatholischen Kirchen nicht verbindlich. Denn, so Heitz, "bei Maria geht es allein um Gottes Heilshandeln. Bei ihr wird sein Handeln gleichsam wie in einem Testfall des Glaubens deutlich".
"Maria ist Gottesgebärerin. Dies ist das zentrale Dogma der Christologie", stellte der St. Pöltner Dogmatiker Dr. Michael Stickelbroeck fest. Maria sei in ihrem Kern von der Gottesmutterschaft geprägt. Auch die Mariendogmen der neueren Zeit seien schon in der patristischen Glaubenslehre grundgelegt, erklärte er.
Ökumenisch sei aber vor allem die Mittlerschaft Marias am meisten umstritten, wies er hin. Sie werde stets an der Seite Christi gesehen. Auch das zweite Vatikanische Konzil habe Maria als Mitwirkende beim Werk des Erlösers genannt, und zwar "in einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe". Maria sei dabei das Urbild der Glaubenden. Was die Kirche ihrem Wesen nach sei, zeige sich besonders in Maria, sagte Stickelbroeck.

Dass eine Dogmatisierung Marias als "Miterlöserin" Christi zu erwarten sei, wurde von allen als unwahrscheinlich angesehen. Hingegen sei eine "Gnadenmittlerschaft Mariens" heute ein allgemeiner ökumenischer Konsens geworden. Das zweite Vatikanische Konzil habe keine eigene Konstitution über Maria verfasst, Fragen über Maria wurden in die Konstitution über die Kirche mit hineingenommen.
Verschiedenheit zeigte sich in der Grundlegung des Marienbildes. Während Superintendent Mag. Paul Weiland auf die Bibel als einzige Quelle für das Bild Maria verwies, unterstrich Stickelbroeck, dass die Erkenntnisse der Mariologie nicht allein aus der Schrift und nicht nur durch die historisch-kritische Methode eruiert werden können. Es müssten auch andere Methoden für eine theologische Reflexion herangezogen werden, verwies er auf die Position der katholischen Kirche.
Bischof Heitz betonte, dass es auch eine Dogmenentwicklung gebe, da ein Dogma nicht über der Geschichte, sondern mitten in der Geschichte stehe. Glaubenssätze hätten zwar ihre Verbindlichkeit, doch seien nicht alle gleich zu bewerten. Es gebe auch eine Hierarchie der Werte.