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Liese Prokop - "Ein Mensch, für den wir heute Gott danken"

Die Predigt von Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn zum Requiem der verstorbenen Innenministerin Liese Prokop im Dom zu St. Pölten. Lieber Herr Prokop!
Liebe trauernde Familie!
Herr Bundespräsident!
Hochwürdigster apostolischer Nuntius!
Liebe Brüder und Schwestern hier im Dom und draußen auf dem Domplatz!

"Media vita in morte sumus" - ein alter, mittelalterlicher Gesang - Martin Luther hat ihn zu einem Lied gestaltet - sagt und erinnert uns daran, dass wir mitten im Leben dem Tode nahe sind. Dieses Wort "media vita in morte sumus" - es ist uns in dieser Stunde ganz besonders nahe, in der wir in fürbittendem Gedenken für Liese Prokop hier versammelt sind, für sie zu beten, für ihre Familie.

Wir sind den Angehörigen in ganz besonderer Weise ihrer Trauer verbunden. "Warum" - auf diese Frage gibt es keine schnelle und erst recht keine vorschnelle Antwort. Aber die heilige Schrift gibt uns zumindest ein Licht auf unserem Weg, der oft so dunkel ist.

Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst? - wir haben dieses Wort aus dem 8. Psalm gehört, es wird im Hebräerbrief zitiert.

"Was ist der Mensch?" - diese Frage des Psalmisten kommt uns in den Sinn, wenn wir der Vergänglichkeit des Lebens so schmerzlich begegnen wie durch den plötzlichen Tod von Liese Prokop. Wie zerbrechlich ist das Leben! Wie schnell kann der Tod da sein! Wie schnell kann mein Tod da sein!

Und doch: Nicht darüber staunt der Beter im Psalm 8. Denn diese allzu nüchterne Wahrheit - wir wissen sie, Tag für Tag aus unserer irdischen Existenz - nein: Worüber der Psalmist staunt, ist etwas anderes: dass dieses so zerbrechliche armselige Wesen Mensch von Gott zu solcher Größe und Herrlichkeit bestimmt ist: "Du hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, alles hast du ihm zu Füßen gelegt".

Ja, mit Ehren wurde die Verstorbene "gekrönt" - im sportlichen wie im politischen Leben, vor allem aber gekrönt mit einer "herrlichen" Menschlichkeit. Sie war, im Sinne dieses Psalmes, ein prächtiger Mensch, von einer tiefen, starken Menschlichkeit: ein Mensch, für den wir heute Gott danken!

Der Hebräerbrief vertieft den Blick auf den gebrechlichen und doch so prächtigen Menschen, indem er die Worte des Psalmes auf Jesus Christus anwendet: Er ist der Mensch, den Gott, sein Vater, mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt hat. In Ihm erschließt sich erst das ganze Geheimnis des Menschen, wie das II. Vatikanische Konzil betont. Was wir das "christliche Menschenbild" nennen - was wir zu Recht als Grundlage für die allen Menschen unaufgebbar eigene Würde halten - das hat sein wahres Fundament im Menschenbild, das uns in Jesus Christus gezeigt wird.

Liese Prokop hat in ihrer Tätigkeit als Landes- und Bundespolitikerin versucht, diesem Menschenbild gemäß zu leben und zu handeln, und es ist ihr mit großer Glaubwürdigkeit gelungen.

Aber was ist der Kern dieses Menschenbildes? Es ist ein Ineinander von "Erniedrigung" und Herrlichkeit, von Leiden, ja Leiden bis zum Tod und von Vollendung bis zur Auferstehung. Nicht nur Erfolg und Ehren haben einen Sinn, sondern auch das Leid. Und wenn uns auch das Leid zu berechtigten - allzu oft nur zu berechtigten - Protest herausfordert, zum Kampf, es zu lindern, es zu verhindern, es zu vermindern. Es wird immer doch die große Anfrage bleiben: "Warum?" Auch wenn wir keine Antwort wissen, auch wenn Leid und Tod uns nicht erspart bleiben, der Blick auf Christus gibt uns eine Perspektive, öffnet einen Sinn, den wir freilich im Moment nur wie in einem Spiegel bruchstückhaft erkennen: "Ihn, Jesus, sehen wir" - so sagt der Hebräerbrief - "um seines Leidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt". So war also sein Tod nicht das sinnlose Scheitern, sondern wurde für uns zur Hoffnung: für uns alle - so haben wie eben gehört - hat er den Tod erlitten. Er hat dem Tod ein neues Vorzeichen gegeben. Wir brauchen ihn nicht mehr zu verdrängen, mit Tabu zu belegen, in nicht mehr aus unserem Blickfeld möglichst sorgsam zu entfernen!

Der Tod Jesu hat eine neue Dynamik in die Welt gebracht: die volle Kraft der Auferstehung, die unverwüstliche Energie der Hoffnung, die gemeinschaftstiftende Bewegung, die wir Kirche nennen.

Von dieser nie mehr zerstörbaren Kraft spricht das Evangelium, und ich glaube, dass viel von dieser Hoffnungsenergie im Leben der Verstorbenen sichtbar geworden ist.

Das Evangelium erinnert uns daran: Gott ist ein Gott des Lebens; der Tod hat nicht das letzte Wort. In besonderer Weise passt dieser Abschnitt des Evangeliums für unsere liebe Verstorbene: denn in dieser Erzählung laufen alle - Maria von Magdala, Simon Petrus, Johannes - alle laufen. Es ist ein Zeichen dafür, dass ihnen Jesus nicht gleichgültig ist, dass sie ihn geliebt haben, und dass sie ihm mit Eifer folgen wollen. Die drei Personen - so unterschiedlich sie sind - sie symbolisieren Grundwirklichkeiten des Lebens und des Glaubens:

Petrus - er symbolisiert das Amt, in zwar langsamerem Laufen als Johannes - das amt hat nicht immer die Dynamik, es repräsentiert auch sicheren Rückhalt, Stabilität, Wahrung der Tradition, Blick auf das Ganze, und alles das gehört zu dem, zu denen, die ein Amt inne haben. Aber Johannes, der Jüngere, der Schnellere - er ist Symbol der Liebe, des Charismas, das schnell unterwegs ist und das die Zeichen, die im Grab sind sofort erfasst, und im Glauben schneller erkennt, als das Amt des Petrus. Diesen dynamischen und bewegten Johannes, es ehrt ihn, dass er dem Amt, Petrus, den Vortritt lässt, und schließlich Maria von Magdala: Sie symbolisiert den Menschen voll Mitgefühl, Sehnsucht, voll Sehnsucht, den Menschen, der nicht weg geht, dort wo Not ist und vom Tod nicht wegschaut. Sie klagt über das, was jeder von uns beim letzten Abscheiden empfindet: "Man hat mir meinen geliebten Menschen genommen, und ich weiß nicht, wo er jetzt ist". Und genau dieser Maria von Magdala erscheint Jesus.

Entscheidend ist letztlich, dass von dieser menschlich gesehen so tragischen Situation die Botschaft ausgeht: "Der Herr lebt!" Und von dort aus - vom Grab aus - beginnt sie sich zu verbreiten als Hoffnungsbotschaft in die ganze Welt.

"Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?" Ein lieber, ein überzeugender Mensch ist gestorben. Keine Hochleistungsmedizin konnte ihren Tod verhindern. "Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben". Daran wurden wir alle erinnert, als genau zum Jahreswechsel die Nachricht vom Tod Liese Prokop kam. Wie plötzlich sind da so viele Dinge, die so wichtig scheinen, ganz relativ! Wie sehr werden wir daran erinnert, dass vieles in unserem Leben wichtig und dringend, aber nicht wesentlich ist. Wurden wir nicht alle daran erinnert, in dieses neue Jahr mit dem Gedanken an das eigene Sterben einzutreten? Sind wir, bin ich auf einen plötzlichen Tod vorbereitet?

Sie war es, durch ein Leben, das voller Einsatz war, voller Hingabe und voller erfüllter Menschlichkeit. Von ihrem Leben und von ihrem Sterben gilt daher auch der umgekehrte Satz, der seit dem Ostermorgen, seit dem leeren Grab ganz neue Wahrheit geworden ist: "Mitten im Tod sind wir vom Leben umgeben". Für Liese Prokop, für ihre Familie, für uns alle möge daher der letzte Satz der heutigen Lesung gelten: "Ich will auf Ihn, meinen Gott, mein Vertrauen setzen". Er wird es nicht enttäuschen.
Amen.