Sommerkampagne 2016
Sommerkampagne 2016
 
 

Armut und Gewalt - Strukturen der Sünde

"Armut und Gewalt haben strukturelle Ursachen", erklärten die Guatemaltekischen Anwältinnen Lily del Carmen Gramajo Arroyo und Claudia Virginia Samayoa Pineda, die sich für die Rechte der Landarbeiter und Armen in ihrem Land einsetzen. Bei einem Besuch auf Einladung von "Welthaus" in St. Pölten erläuterten sie ihre Arbeit, die sie im Rahmen der Landpastoral durchführen. Ziel sei die "Errichtung des Königreiches Christi auf Erden", sagte Lily Arroyo. Die engagierten Anwältinnen stützen sich bei ihrer Arbeit auf die katholische Soziallehre. Sie arbeiten an einem Strukturwandel, der die Armen und Unterdrückten in ihrem Land befreit.
Ihre Aufgabe ist die Rechtsberatung und der Rechtsschutz für Arme, vornehmlich bei Arbeits- und Landkonflikten. Daneben sind sie politisch engagiert und treten für ein neues politisches System ein, das den Menschen Recht auf Ernährung, Bildung und Gesundheit garantiert.
Ihre Arbeit ist lebensgefährlich. Ihren Mitarbeiterinnen wird der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert; es gibt Entlassungen, wenn man einer Gewerkschaft beitritt, aber auch Spott von jenen, die das Problem nicht verstehen. Vor allem Kinder leiden darunter.


Solidarität ist gefragt


"Ich stütze meine Hoffnung als Christ auf die Solidarität, die mich nicht akzeptieren lässt, dass der Reichtum nur in den Händen weniger liegt, die Mehrheit aber hungert", sagte Lily. Sie hofft auf internationale Hilfe von außen.
Claudia Pineda verteidigt Anwälte, die sich für Menschenrechte einsetzen. "Wir haben die Aufgabe, die Menschen von den Strukturen der Sünde zu befreien, besonders in einem Staat, der Menschen verfolgt", erklärt sie. Sie untersucht kriminelle Übergriffe, erstellt eine Dokumentation und erhebt Anklage gegen die Urheber. "Wir wollen keine Rückkehr zur Gewalt", unterstreich sie. Diese wird auch von staatlichen Behörden ausgeübt, ebenso von Untergrund- und Geheimbünden wie Drogenhändlern und paramilitärischen Einrichtungen und schließlich auch von privaten Personen, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen.


Übergriffe nehmen zu


"Als vor sechs Jahren das Friedensabkommen unterzeichnet wurde, hatten wir das Gefühl, in Freiheit zu atmen", erzählt Claudia Samayoa Pineda. Es gab zwar einzelne Übergriffe, etwa auf Rechtsanwälte. 1998 wurde der Priester Msgr. Juan Gerardi ermordet. "Da haben wir erkannt, dass sich die Situation nicht verbessert", sagt Claudia. Seitdem sind die Übergriffe wieder ständig gestiegen.
"Insgesamt haben wir 686 Übergriffe registriert. Nur sechs davon kamen vor Gericht, fünf davon waren Morde, und in nur zwei Fällen wurden die Täter auch verurteilt", so das Resumee von Claudia Virginia Samayoa Pineda. Seit 2003 gibt sie einen Jahresbericht unter dem Titel "Das Gesicht des Terrors" heraus. Darin beschreibt sie, wie illegale Organisationen ihre Übergriffe durchführen.


Kirche auf Seite der Armen


Die Kirche steht ganz auf der Seite der Armen, bestätigen Claudia und Lily einhellig. "Zur Land- und Agrarfrage hat die Bischofskonferenz zwei Hirtenbriefe erlassen, in der die derzeitige Situation als strukturelle Sünde bezeichnet wird". Nach der Wirbelsturmkatastrophe "Stan" hätten gerade die Diözesen die Hilfeleistungen koordiniert. In sechs Diözesen gibt es Arbeitsgruppen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau, Rechtshilfe und Unterstützung für die Bildung von Organisationen. Gegen die multinationalen Bergbaugesellschaften hat sich die Kirche sogar auf eine Auseinandersetzung mit dem Staat eingelassen - "sie war führend im Widerstand".


Wenig Verständnis - große Besorgnis


Bei ihrem Aufenthalt in Österreich haben Claudia Pineda und Lily Arroyo Menschen jeden Alters kennen gelernt und mit vielen gesprochen. Doch nur wenige verstehen, unter welchen Bedingungen die Menschen in Guatemala leben müssen. Kaum jemand versteht, dass die Ursachen der fatalen Situation im System liegen, sagen sie. Doch viele Menschen zeigten sich sehr besorgt und fragten, wie man helfen könne.
"Unsere Botschaft ist, eine neue Art von Beziehung aufzubauen, etwa über Fair Trade", sagen Lily und Claudia. Denn durch den fairen Handel erhalten auch die Menschen in Guatemala Unterstützung und fassen Mut, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, statt Almosen zu erbitten. Die Menschen in Österreich sollen aber auch darauf achten, welche Außenpolitik ihr Land vertritt, etwa in Bezug auf das kommende Handelsabkommen der EU mit Mittelamerika, meinen die Anwältinnen.
Auf die aktuelle Situation eingehend, erzählten die Gäste, dass nach dem Hurrikan Stan viele Hilfsgelder aus der EU nach Guatemala geflossen sind. "Wir haben aber den Eindruck, dass sich viele Kreise der Hilfegüter bemächtigen wollen. Der Staat versucht überhaupt nicht, Strukturen für die Verteilung aufzubauen. Die Hilfsgelder gelangen deshalb nicht zu jenen, die sie dringend brauchen. Wir hoffen, dass Österreich als Mitglied der EU an unsere Regierung appelliert und die Verteilung der Gelder im Auge behält".