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1. HipHaus-Symposion: Mensch und Digitalisierung

Foto: Diözese Sankt Pölten (von links: Franz Moser, Bernd Hufnagl, Maren Berka, Petra König, Erich Wagner-Walser, Verena Rathner-Böck)

Sankt Pölten, 18.03.2019 (dsp/jh) Am Samstag ging das erste HipHaus-Symposion mit hochkarätiger Besetzung zum Thema „Mensch und Digitalisierung“ zu Ende. Thema war die Suche nach dem Menschen, der sich laufend zwischen Daten, Leitungen und zahllosen Endgeräten verändert.

Die vier Referenten nahmen sich aus unterschiedlichen Betrachtungsweisen den Annehmlichkeiten und Erleichterungen, aber auch den Gefahren und Bedrohungspotentialen, die uns Digitalisierung und Automatisierung bringen, an. Die zukunftsweisende Frage „Mensch, was wird (noch) mit dir?“ zog sich dabei durch alle Vorträge und Diskussionen.

„Oberflächliches Gehabe wird zum Problem“

Eingangs bedankte sich Bildungshaus-Direktor Erich Wagner-Walser für das große Interesse, die zahlreichen Anmeldungen und ging auf das gewählte Motto der HipHaus-Symposion-Reihe „kritisch.tiefer.denken“ ein, indem er erklärte: „Das fast-food-Denken und das oberflächliche Gehabe in der Bildungslandschaft wird längerfristig auch in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zum Problem. Es gibt viele komplexe Zusammenhänge, die genaues Hinschauen und tieferes Denken erfordern.“

Digitalisierung große Chance für Volkswirtschaft

Referent Dr. Hans Zeger, Mathematiker, Philosoph und Obmann der ARGE Daten sowie Inhaber einer Firma mit 15 Mitarbeitern sprach über „Targeting, Taching, Nudging – Schafft Europa den Anschluss an die Informationsgesellschaft?“. Er freue sich sehr, hier zu sein und über ein technisch-philosophisches Thema zu sprechen, denn „die Philosophie ist der Jagdschein zum Wildern in allen Bereichen“ und könne deshalb themenübergreifend neue Zugänge schaffen.

Er verglich die in Österreich weit verbreitete „Digitalisierungsskepsis“ mit der Einführung der Telefonkommunikation in den Vereinigten Staaten: „In Amerika wurde mit der Einführung des Telefons befürchtet, dass volkswirtschaftlich gesehen, viel zu viele Leute Telefonvermittler sein müssten. Diesem Problem wurde durch die Erfindung des Selbstwählverfahrens Einhalt geboten.“ In Österreich seien die letzten Telefonvermittlungsämter typischerweise erst 1972 aufgelöst worden, was unnötige Kosten verursacht hätte. Auch die Erfindung des Staubsaugers habe den Arbeitsverlust von Millionen Dienstnehmern im Reinigungsbereich bedeutet. Durch die Dampfmaschine hätten sich Millionen Arbeitskräfte umorientieren müssen. „Wer das ablehnt soll sich überlegen, ob er tatsächlich die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der Vergangenheit wieder haben möchte.“, so der Obmann der ARGE Daten.

Unglaubliche Dynamik der Automatisierung

Verglichen mit anderen Industrienationen hätten „die Österreicher sich durch ein System von Kammern und Verwaltungswesen ein überbordendes System geschaffen, in dem nicht vorrangig Qualifikation, sondern Verankerung im System zählt. Das ist verglichen mit dem Weltniveau vorgestrig.“ Auch deshalb hätte Österreich eine horrende Abgabenquote, die bei 70 Prozent liege. 70 Prozent der Lohnkosten eines Arbeitgebers seien Abgaben, nur die restlichen 30 Prozent seien der Nettolohn.

Es sei den Menschen hierzulande viel zu wenig bewusst, dass bis zu 1,4 Millionen Arbeitsstellen in Österreich mittelfristig durch Automatisierung ersetzt werden könnten. „Wir haben derzeit aber keine anderen Jobs für diese Leute. Globale Banken wie N26 haben ein paar hundert Mitarbeiter und betreuen damit dutzende Millionen Kunden. Die Zehntausenden Angestellten im Raiffeisen-Bankensektor oder im Erste-Bank-Sektor gibt es hauptsächlich nur noch aus sentimentalen Gründen.“ Es brauche Mut zur Digitalisierung. Wir in Österreich sollten endlich beherzter mitmachen, so Dr. Hans G. Zeger.

Auf die Frage, was passiere, wenn Europa die Digitalisierung nicht zeitgerecht schaffe, antwortete Dr. Hans Zeger: „Es gibt bereits 400 Millionen Mittelstandschinesen, 300 Millionen Mittelstandsinder, 30 Millionen Mittelstandsrussen und 20 Millionen Mittelstandsaraber. Fast alle wollen nach Europa, um die Sehenswürdigkeiten und Kulturgüter zu besichtigen. Falls wir die Digitalisierung nicht adäquat schaffen, könnte eine unserer Möglichkeiten sein, unser Freilichtmuseum touristisch auszuschlachten.“

Warum sollten wir uns nicht als Menschen mit Maschinen verknüpfen?

Nach einem im Bildungshaus Sankt Hippolyt gewohnt köstlichen Abendessen startete Frau Prof. Univ. Doz. Mag. Dr. Gabriele Sorgo, Pädagogische Anthropologin und Geschlechterforscherin in die spannende Abendeinheit. Gleich eingangs stellte sie zum Thema „In der Matrix: Soziotechnisches Leben“ die zunehmende Verknüpfung von Akademisierung und Digitalisierung fest und ergänzte: „Unsere Vorfahren haben sich durch technischen Fortschritt anatomisch nachweislich verändert. Durch die Erfindung des Speers hat sich die Armlänge der Menschen verändert. Durch die Zähmung des Feuers veränderte sich der menschliche Verdauungstrakt und die Gehirnentwicklung. Die Gehirnentwicklung wurzelt auch in der sprachgestützten Zusammenarbeit.“ Genauso werde sich menschliche Anatomie und Gehirnstruktur durch Digitalisierung verändern.

Durch menschliche Interaktion mit digitalen Geräten würden andere Gehirnareale und Gehirnzellen gemeinsam arbeiten und sich verknüpfen, als beispielsweise beim Lesen eines Buches oder einer Zeitung. Die notwendige Gehirnstruktur bei jedem, der lesen lernt, müsse sich erst bilden.

Algorithmen kategorisieren Menschen

Die Informationstechnik entkulturalisiere Menschen, Daten würden unter dem Begriff „Affektpolitik“ gesammelt und ausgewertet. Algorithmen erforschen, welche Vorlieben Menschen haben.

Affekte seien im Unterschied zu Gefühlen nicht bewusst steuerbare Regungen. Erst die vom Menschen bewusst wahrgenommenen Gefühle seien auch von diesem Menschen bewusst steuerbar.

Das sogenannte „Neuromarketing“ funktioniere deswegen, weil beispielsweise „der Kauf einer Markenware eine Option auf die Zukunft in uns auslöst.“ Affekte seien mit potentiellen Fakten beschäftigt: Nicht etwas was ist, aber etwas was werden könnte.

Alle digitalen Daten unseres Lebens werfen einen sogenannten digitalen Schatten. Dieser Schatten wird natürlich analysiert und ausgewertet. „Erleben wir derzeit nicht gerade die Etablierung einer globalen digitalen Diktatur?“, so Dr. Gabriele Sorgo am Ende ihrer Ausführungen.

Nichtvorhersagbarkeit von Nachrichten ist Hauptgrund für Überlastung

Der Neurobiologe, Hirnforscher und Buchautor Bernd Hufnagl sprach in seinem Vortrag über die Thematik „Besser fix als fertig! Der hirngerechte Umgang mit Digitalisierung und fragte gleich zu Beginn: Haben Sie auch schon bemerkt, dass Rasenmähen oder andere handwerkliche Tätigkeiten total entspannend sind? In der digitalen Welt etwas scheinbar Anachronistisches. Ist es aber nicht, es ist Ausdruck der Sehnsucht nach dem Einfachen, dem Über- und Durchschaubaren, dem Bewältigbaren? Unser Gehirn benötigt dieses Gefühl zur Beruhigung. Stimmt die Hypothese, dass die digitalisierte Welt keine idealen Rahmenbedingungen für Glück, Gesundheit, Motivation und Kreativität bietet? Sind wir Opfer des Systems, oder sind wir eigenverantwortlich für die Schaffung hirngerechter Bedingungen?“

Aufmerksamkeitsprobleme, Ungeduld und zunehmende Oberflächlichkeit seien Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Gehirn. Zusätzlich werden Demotivation, Stress und Burnout zu immer verbreiteteren gesundheitlichen Bedrohungsszenarien.

Die Nichtvorhersagbarkeit von Störungen wie Telefonaten, E-Mails und anderen Nachrichten sei Hauptgrund für Burn-out, Überlastung und Krankheiten. „Wenn jemand ein neues E-Mail bekommt, erscheint am rechten unteren Bildschirmrand kurz eine Meldung. Die meisten Menschen öffnen dann binnen 7 Sekunden die neue Nachricht und unterbrechen so ihren Arbeitsfluss.“ Diese Option sollte aus Sicht von Herrn Hufnagl deaktiviert werden.

„Wenn Sie sich nie vor Augen halten, was Sie am vergangenen Arbeitstag tatsächlich gemacht haben, was Ihr Erfolgserlebnis des Tages war, dann werden sie psychisch krank. Falscher Umgang mit digitalen Geräten verhindert solche Selbstreflexion.“, so Bernd Hufnagl.

Sich von Menschen und Geräten nicht hinunterziehen lassen

„Wie geht es Ihnen mit Menschen, die Sie auslaugen und hinunterziehen? Treffen Sie solche Menschen einfach weniger oft. Treffen Sie öfters Menschen, die Sie hinaufheben und von denen Sie lernen können.“ Wenn jemand nur jammere, dann solle aber die Erzählung durchaus hinterfragt werden. Dies könne helfen, Dinge nüchterner zu sehen.

Abschließend appellierte er an alle Anwesenden, sich von digitalen Geräten nicht beherrschen zu lassen. „Das sind nur Geräte. Wir entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen. Nehmen Sie sich bewusst Auszeiten von digitaler Erreichbarkeit und verlieren Sie eines nicht: Tagträume.“

„Jetztismus“ ist Hauptproblem

Krönender Abschluss des 1. Hiphaus-Symposions war die Soziologin, Kommunikationswissenschaftlerin und Datenbankspezialistin Maren Berka. Sie arbeitet neben ihrer Lehrtätigkeit auch für Unternehmen, die „ihre dutzenden Datenbanken miteinander kommunikationsfähig machen möchten“.

Das Hauptproblem im Spannungsfeld „Mensch und Digitalisierung“ sei der ausufernde „Jetztismus“. Maren Berka meint damit „die zunehmende Anzahl der Kommunikationskanäle, über die Erwartungen aufgebaut werden“ und die Menschen in ein Hamsterrad der Kommunikation drängen könne. Jetztismus zu bedienen heiße „alles soll jetzt und sofort passieren, beantwortet und umgesetzt werden.“

Sie persönlich würden an Sonntagen keine elektronische Nachricht und auch kein Telefonanruf erreichen: „Mir reichen die hunderten E-Mails, die ich während der Werktage bekomme. Ich brauche am Sonntag Ruhe.“

Foto: Diözese Sankt Pölten (von links: Franz Moser, Bernd Hufnagl, Maren Berka, Petra König, Erich Wagner-Walser, Verena Rathner-Böck)