72 Stunden ohne Kompromiss
Sendungsfeier Pastoralassistent/innen
Weinstock
"Nacht der 1000 Lichter" am 31. Oktober - Gänsehautstimmung statt Halloween-Grusel am Vorabend von Allerheiligen
 
 

Schönborn: Kirchenreform muss Ziel haben, Gesellschaft zu ändern

Die wirklich tiefgreifenden Veränderungen in der Kirche geschehen nicht in der Reform der Strukturen. Das hat Kardinal Christoph Schönborn in einem Osterinterview betont, das er der "Presse" sowie verschiedenen Bundesländerzeitungen gab und am Karsamstag veröffentlicht wurde.

In seiner eigenen Erzdiözese Wien werde gerade eine große Strukturreform vorangetrieben, aber als tieferes Ziel müsse es dabei "zugleich immer um die Frage gehen, wie können wir die Gesellschaft ändern", unterstrich Schönborn. "Wenn geordnetes Schrumpfen alles ist, dann ist der Reformprozess für die Katz'." Gerade auch für die Kirche gelte: "Wer sich nur selbst anschaut, strahlt nicht."

Angesprochen auf die jüngste Sympathiebekundung des Linzer Bischofs Manfred Scheuer für die Priesterweihe verheirateter Männer ("viri probati") räumte der Kardinal ein, dass organisatorische Fragen wichtig seien, "und ich glaube, da ist Luft nach oben, auch notwendiges Veränderungspotenzial". Über eine Änderung der Zugangsbestimmungen zum Priesteramt "möchte ich nicht entscheiden müssen", sagte Schönborn.

Der Wiener Erzbischof verwies auf den von Papst Franziskus beschrittenen "Weg der Synodalität": "Die Kirche ist eine Gemeinschaft, große Entscheidungen sollen gemeinschaftlich getroffen werden." Das gelte auch für die Frage, ob Frauen zu Weiheämtern zugelassen werden sollen. "Das ist eine zu große Frage, als dass sie vom Schreibtisch eines Papstes aus geklärt werden könnte." Die Weihefrage von Diakoninnen, die Papst Franziskus zur Zeit studieren lässt, sei von einem Konzil zu klären. Er wünsche sich einen höheren Frauenanteil in leitenden Positionen, sagte Schönborn, und in der Erzdiözese Wien sei es damit nicht schlechter bestellt als in anderen großen Organisationen.

Das Thema "viri probati" werde sicher bei der vom Papst für Oktober 2019 einberufenen Amazonas-Synode zur Sprache kommen. Und auf ein nächstes Konzil vertraue er, wann immer es kommt, erklärte Schönborn. Papst Johannes XXIII. habe seinerzeit den richtigen Moment erkannt, als niemand es erwartet hat. "Ich vertraue auf den Heiligen Geist", so der Kardinal.

Bezüglich der Rolle der Frauen hätten die Religionsgemeinschaften insgesamt einen Entwicklungsbedarf. In der Antike sei das Christentum noch ein ganz starker Faktor der Frauenemanzipation gewesen, erinnerte der Erzbischof. In der Folge habe es auch gegenläufige Bewegungen gegeben, aber nach Schönborns Überzeugung ist "das, was wir in Europa für eine Selbstverständlichkeit halten im Vergleich zum Beispiel zu islamischen Traditionen, schon ein Erbe des Christentums". Wie überhaupt ein Großteil dessen, was in der Menschenrechtscharta festgehalten ist, Frucht des Christentums sei.

Und sie bewegt sich doch

Auch heute gebe es ein Weiterdenken des katholischen Lehrgebäudes, wies Schönborn hin. Heute sei selbstverständlich, dass Mädchen ministrieren dürfen - in einer Zeit, da in anderen christlichen Kirchen noch unvorstellbar sei, dass eine Frau den Altarraum betritt. Ein anderes Beispiel sei die Aufwertung der "Apostelin der Apostel", Maria Magdalena. Papst Franziskus habe verfügt, ihr Fest sei dem der Apostel gleichzustellen. "Man kann sagen, das ist eine Kleinigkeit", so Schönborn. "Aber es zeigt eine veränderte Bewusstseinslage."

Deutlich werde diese auch in der Haltung des Lehramtes beim Thema Todesstrafe: Im Katechismus von 1992 (bei dem Schönborn Redaktionssekretär war, Anm.) galt diese noch in Sondersituationen als zulässig, heute werde das anders gesehen. Schon Papst Johannes Paul II. wollte eine klare Verurteilung der Todesstrafe, wies Schönborn hin. "Die Zeit war aber noch nicht reif. Nun ist es so weit." Wie auch Papst Franziskus anlässlich 25 Jahre Katechismus klar gesagt habe: Es gibt auf unterschiedlichen Ebenen eine Lehrentwicklung.

Kardinal Schönborn schrieb dem christlichen Glauben auch eine starke Regenerationskraft zu, die im unverbrüchlichen Glauben an die Auferstehung gründe. "Das Christentum hat als kleine Gruppe in Jerusalem begonnen, die die Erfahrung gemacht hat, dass der, der gekreuzigt worden ist, lebt, dass er da ist und wirkt." Wenn dieser Glaube verlorengeht, dann habe das Christentum auch keine Zukunft, "dann ist das ein historischer Gedächtnisverein, der die Erinnerung an einen längst Verstorbenen aufrecht erhält".

Säkularisierung: "Glaube an alles Mögliche"

Die gegenwärtig zu beobachtende Säkularisierung bedeute kein Verschwinden des Glaubens, "sondern es verschwindet der Glaube an Gott", stellte Schönborn klar. Der englische Autor Gilbert Keith Chesterton habe zurecht gesagt: "Wer nicht an Gott glaubt, glaubt nicht an Nichts, sondern an alles Mögliche." Das wurde laut dem Kardinal beim Krankenhaus Wien-Nord deutlich, "wo für fast 100.000 Euro ein esoterischer Ring um das Spital angelegt worden ist".

Die heute oft schütter besetzten Kirchenbänke stünden für den Verlust einer großen Volkskultur, seien aber auch ein großer Zugewinn an wirklich entschiedenen Christen. Schönborn sieht die Kirche "dort, wovon der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks gesprochen hat: Wir Juden haben 2500 Jahre Erfahrung, was es heißt, kreative Minderheit zu sein: Macht etwas aus eurer Situation, fürchtet euch nicht!"

Die Volkskirche in Österreich sei aber nicht tot, stellte der Kardinal fest. Papst Franziskus habe ein "feines Gespür, dass Volksreligiosität nicht etwas ist, das in der säkularen Gesellschaft einfach weg ist", so Schönborn. "Da haben wir noch manches zu lernen, wie viel es an Wurzelgründen von Religiosität bei uns gibt." 

Das Interview mit Kardinal Schönborn entstand in einer Kooperation der Zeitungen "Die Presse", "Kleine Zeitung", "Oberösterreichische Nachrichten", "Salzburger Nachrichten", "Tiroler Tageszeitung" und "Vorarlberger Nachrichten" und erschien in unterschiedlichen Varianten am Karsamstag.

(31.03.2018, KAP)