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Papst im Baltikum: Brückenbauer für Religionen und Völker

Für diesen Besuch gab es in Lettland sogar einen Sonderfeiertag: Anlässlich der eintägigen Visite von Papst Franziskus in dem baltischen Staat wurde der Montag vom Parlament für arbeitsfrei erklärt. Das ist ungewöhnlich für ein protestantisch geprägtes Land - allerdings nur, wenn man nicht weiß, dass am Vormittag in Riga die erste ökumenische Begegnung der viertägigen Baltikumreise des Papstes anstand.

Im lutherischen Dom hielt 81-jährige Franziskus ein ökumenisches Gebet. An der Feier nahmen der lutherische Erzbischof von Riga, Janis Vanags, der russisch-orthodoxe Metropolit Alexander Kudryashov und der katholische Erzbischof Zbignevs Stankevics teil. Erzbischof Vanags betonte in seinem Grußwort den Ruf zur Einheit der Christen ebenso wie Franziskus in seinem Gebet: "Alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt", sagte der Papst in Anspielung auf das Johannesevangelium und machte Mut: Der ökumenische Auftrag sei mit Christi Hilfe erfüllbar.

Den krönenden Abschluss des Tagestrips bildete eine Papstmesse am Montagnachmittag im lettischen Aglona, dem bekanntesten Marienwallfahrtsort des Baltikums. Auch Papst Johannes Paul II. (1978-2005) feierte hier vor 25 Jahren bei seiner Baltikumreise kurz nach der politischen Wende einen großen Freiluftgottesdienst.

Mehrere Zehntausend Gläubige hörten auf dem Freiplatz vor dem Heiligtum die Predigt des Papstes. Franziskus warnte vor Spaltungen: "Wenn wir im Glauben das Gebot vernehmen, aufzunehmen und aufgenommen zu werden, ist es möglich, Einheit in Vielfalt zu schaffen". So würden trennende Unterschiede ausgeräumt.

"Einheit in Vielfalt" und Brückenbau

Zum Ende der Predigt gab es verhaltenen Applaus. Der Papst scheint am vorletzten Tag seiner Baltikumreise die richtigen Worte gefunden zu haben. Was er in Aglona sagte, ist zugleich ein gutes Fazit der Reise, die den Pontifex seit Samstag zunächst nach Litauen und dann nach Lettland führte. Denn für "Einheit in Vielfalt" und Brückenbau untereinander hat das Kirchenoberhaupt von Beginn an geworben.

Franziskus' erste Ansprache vor Vertretern aus Politik und Gesellschaft im litauischen Präsidentenpalast war ein eindringlicher Appell für Einheit, nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa, sondern über Kontinente wie Religionen hinaus. Ähnlich hatte sich auch Johannes Paul II., der 1993 kurz nach dem Abzug der Russen als erster Papst das Baltikum besuchte, geäußert - er würdigte Litauen als "natürliche Brücke von Mittel-, Nord- und Osteuropa".

Sowohl Johannes Paul II. als auch Franziskus thematisierten die Geschichte des Landes unter der Besatzung. Franziskus besonders bildstark und symbolträchtig im stillen Gebet am Mahnmal für die Opfer des jüdischen Ghettos am Sonntag sowie beim Besuch des KGB-Museums in Vilnius. Beim nahegelegenen Denkmal für die Opfer der Besatzung bat Franziskus um "Versöhnen und Vereinen von Unterschieden" - eine Variation des Mottos "Einheit in Verschiedenheit".

Warnung vor Antisemitismus

Am Dienstag besucht der Papst zum Abschluss seiner Baltikumreise noch Estland. Elf der 15 geplanten Reden sind bereits gehalten. Sie weisen inhaltlich eine starke Kontinuität auf, mit landestypischen Akzenten. Sowohl in Litauen als auch Lettland ging Franziskus auf ein gemeinsames Problem ein: die Abwanderung Jugendlicher aufgrund mangelnder Arbeitsplätze. Und er erinnerte an die allen drei baltischen Staaten gemeinsame Geschichte der Besatzungen. Auffällig hingegen der Bogen zur Aktualität, die eindringlichen Mahnungen, heute zunehmende Spannungen und etwa das Wiedererstarken des Antisemitismus nicht zu ignorieren. Ein neues Aufkeimen "solch verderblicher Haltung" müsse rechtzeitig erkannt werden, mahnte Franziskus etwa bei seiner Messe im litauischen Kaunas am Sonntag.

Franziskus machte an allen drei Tagen auch deutlich, dass der Glaube damals wie heute Hoffnung und Kraft geben könne. Explizit würdigte er allerorts die Märtyrer des Widerstandskampfs.

Priester und Ordensleute rief er zu "Nähe zu Gott und den Menschen" auf und verurteilte Klerikalismus - auch hier in einer Linie mit Johannes Paul II. Gesellschaft wie Gläubige mahnte Franziskus zudem immer wieder, die eigenen Wurzeln nicht zu vergessen. Dies betonte er etwa bei einem Jugendtreffen in Vilnius am Samstagabend oder am Montag in Lettlands Hauptstadt Riga - hier vor hauptsächlich älteren Katholiken in der katholischen Jakobskathedrale.

Russland kein Thema

Im Unterschied zu Johannes Paul II. ging Franziskus bisher nicht konkret auf die nach wie vor schwierigen Beziehungen zu Russland ein, weder in religiöser noch in politischer Hinsicht. Johannes Paul II. hatte im Baltikum den Willen der katholischen Kirche zu Versöhnung mit der russisch-orthodoxen Kirche betont und Hoffnung auf inneren und äußeren Frieden Russlands geäußert. Ob der Papst dies zum Abschluss seiner Reise in Estland am Dienstag anspricht, bleibt fraglich. Auch für Prognosen zur Auswirkung seiner Visite ist es zu früh.

Eine Besucherin der Papstmesse in Aglona ist aber sicher, dass Franziskus den Menschen Hoffnung macht: "Seine Ermutigung ist, dass man nicht warten soll, dass jemand etwas ändert. Du kannst selbst etwas ändern, auch wenn es hart ist", meint Inta Svirkste.

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