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Lourdes: "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist"

Nein, Lourdeswasser heilt nicht, sagt Wolfgang Boemer, das sei "ganz normales Bergwasser". Auch Maria heile nicht. Gott sei es, der hier heilt - und es stehe ganz in seiner Verfügung, wie viele, wen, wann und wie er heile. Der Oblatenpater Boemer wirkte lange als deutscher Koordinator beim Heiligtum des südfranzösischen Wallfahrtsortes.

Vom Volksglauben, das sogenannte Lourdes-Wasser aus einer Quelle nahe der Mariengrotte von Massabielle habe heilende Kräfte, hält er nicht viel. Gefragt ist es trotzdem; etwa 120.000 Liter fließen täglich. Kein Wunder.

Die Grenzen von Naturwissenschaften und Unerklärbarem haben einen guten Platz hier am Fuß der Pyrenäen, wo am 11. Februar 1858, vor genau 160 Jahren, dem damals 14-jährigen Hirtenmädchen Bernadette Soubirous nach dessen Angaben erstmals die Gottesmutter Maria erschien. Seither soll es dort rund 30.000 Heilungen gegeben haben. 6.000 sind dokumentiert, 2.000 gelten als "medizinisch unerklärlich".

Am Sonntag nun, dem 160. Jahrestag der ersten Erscheinung, hat die katholische Kirche eine 70. Heilung als Wunder eingestuft. Das Anerkennungsschreiben des Bischofs von Beauvais, Jacques Benoit-Gonnin, erklärt, dass die heute 79-jährige Ordensfrau Bernadette Moriau 2008 von einer langjährigen Lähmung geheilt worden sei; seit 1987 habe sie nicht mehr laufen können.

Die Kriterien des internationales Ärztekomitees von Lourdes sind streng. Die meisten Akten über gemeldete Fälle werden frühzeitig geschlossen. Und das Wort "Wunder" vermeiden die rund 30 Mediziner des Gremiums ohnehin. Das bleibt der Kirche bzw. dem Ortsbischof des jeweils Geheilten vorbehalten.

Seit 2006 prüft das Komitee Heilungsberichte in drei Stufen. In einem ersten Verfahren wird mit Blick auf die Krankengeschichte festgestellt, ob es sich um eine "unerwartete" Heilung handelt. In einem zweiten Schritt wird geklärt, ob es eine "bestätigte" Heilung ist. Erst in einem dritten Schritt wird der "außergewöhnliche Charakter" der Heilung anerkannt; dann ist der zuständige Ortsbischof dran.

Die geheilte Franziskanerin Moriau selbst will sich am Dienstag in Beauvais offiziell äußern. In einem vom Bistum verbreiteten Video berichtet sie, sie sei 2008 bei einer Diözesanwallfahrt zum 150. Jahrestag der Erscheinungen nach Lourdes gepilgert. Dort habe sie nicht den Wunsch nach Heilung geäußert; doch ihr Herz habe sich im Umgang mit ihrer Krankheit verändert. Zurück in ihrer Gemeinschaft in Besles bei Beauvais habe sich dann am Ende eines Gebets eine Wärme und Entspannung in ihr ausgebreitet; der Moment der Heilung. Danach habe sie alle Hilfsmittel wie Korsett, Beinschienen und Stromimpulse ablegen können.

Vielfältig sind die Fälle: Krebs im Endstadium, zerfressene Knochen, die binnen Monatsfrist nachwuchsen. Die Krankengeschichten, die Röntgenbilder sind für jeden Arzt frei zugänglich. Die Wunderkriterien von Lourdes sind streng: Schwer und lebensbedrohend muss die Krankheit sein, plötzlich, umfassend und nachhaltig die Heilung. Auch der Lebenswandel "danach" spielt eine wichtige Rolle.

Und natürlich gibt es im Lauf der Jahrhunderte Veränderungen im Wunderspektrum: Wo zur Zeit Jesu die Heilung von Lähmung und Blindheit oder die Erweckung von den Toten im Mittelpunkt standen, geht es heute eher um Krebs, Multiple Sklerose, Tuberkulose. Der lourdes-erfahrene Boemer ist überzeugt: "Mit Wundern kann man weder Gott beweisen noch die Grenzen der Wissenschaft". Wenn die Kirche das versuche, sei der Missbrauch meist nicht weit.

Als Lourdes längst einer der berühmtesten Wallfahrtsorte der Welt war, verfasste Emile Zola mit dem ersten Roman seiner Trilogie "Les trois villes" 1894 eine Polemik gegen die "kollektive Illusion" von Wunderheilungen und den florierenden Kommerz. Diese Ambivalenz hat sich bis heute erhalten. Lourdes zieht Jahr für Jahr Hunderttausende Kranke und Behinderte an. Und aus der Ferne lässt sich's zwar trefflich spotten über erfolgreiches Marien-Marketing und angeblichen Aberglauben.

Aber: Lourdes setzt auch immer wieder ein Fragezeichen hinter den Absolutheitsanspruch von Naturwissenschaften und Schulmedizin. Zumindest macht es immer neu die seelische und spirituelle Dimension eines Genesungsprozesses deutlich. "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist", meinte einmal David Ben-Gurion. Als Staatsgründer Israels sollte er es wissen.

(11.02.2018, KAP/KNA)