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Kirche: Jägerstätter auch heute Vorbild für Eigenverantwortung

Rund 150 Pilger aus Österreich, Deutschland und Italien sind zum internationalen Jägerstätter-Gedenken am Mittwoch und Donnerstag nach St. Radegund und Tarsdorf gekommen. Der Todestag des seligen Innviertler Landwirts hat sich heuer zum 75. Mal gejährt.

Der Tenor der Veranstaltung: Franz Jägerstätters Lebensbeispiel ermutigt auch heute noch zu Wachsamkeit, kritischer Unterscheidung von Recht und Unrecht und zu Eigenverantwortung. Unter den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung waren u.a. der emeritierte Linzer Bischof Maximilian Aichern und die drei Töchter von Franz und Franziska Jägerstätter. Die Veranstaltung wird jedes Jahr von der christlichen Friedensinitiative "Pax Christi" und der Pfarre St. Radegund organisiert.

Das Gedenken begann am Mittwochabend mit einem Abendgebet in der Kirche St. Radegund und wurde mit einem kleinen Symposion am Donnerstagvormittag im Pfarrsaal Tarsdorf fortgesetzt. Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), schlug dabei eine Brücke zwischen dem Leben von Franz Jägerstätter und dem heutigen Ringen von Menschen um Gerechtigkeit bzw. dem Engagement gegen Armut in ihren vielfältigen Formen. Die ksoe-Direktorin betonte, Aufgabe der Menschen von heute sei es, den eigenen Blick zu schärfen, (Medien-)Berichte zu hinterfragen, ins kritische Gespräch mit anderen zu kommen und sich eine differenzierte Meinung zu bilden.

Als entmenschlichende Tendenz von heute nannte Holztrattner u.a. den in der Gesellschaft vorherrschenden übertriebenen Leistungsgedanken. "Wir erleben die Beurteilung von Menschen nur mehr nach ihrer Leistung - nach dem Motto: 'Ich leiste, also bin ich'", so die Theologin und Sozialethikerin. Unbezahlte Arbeit gelte heutzutage wenig. "Was würde passieren, wenn die Menschenrechte an vorherige Leistung geknüpft würden?", fragte Holztrattner kritisch. Dieses übertriebene Leistungsdenken zerstöre langsam den Gedanken der Solidarität und habe spürbare Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen. Papst Franziskus betone immer wieder, Christen müssten der Gleichgültigkeit entgegenwirken; auch Franz Jägerstätter habe diese Haltung durch sein Tun aufgezeigt. "Gottes Liebe zu den Menschen will das gute Leben aller und nicht nur das bessere Leben weniger", brachte es die ksoe-Direktorin auf den Punkt.

Man müsse sich fragen, wer heute die Frage nach der Verantwortung hochhalte und wer es wage, ein System in Frage zu stellen, wie Franz Jägerstätter es getan habe. Holztrattner dazu wörtlich: "Wir haben immer einen Handlungsspielraum, den wir wählen können." Franz Jägerstätter habe sich diesen Denkraum erhalten: Das Gebet und der Austausch mit seiner Frau Franziska hätten ihm immer wieder die innere Freiheit für sein Handeln geschenkt, betonte Holztrattner. Die Quelle dabei sei für Jägerstätter immer "die Verbindung mit und in Gott" gewesen.

Holztrattner wies darauf hin, dass die einzelne Gewissensentscheidung von Franz Jägerstätter höchste kirchliche Dokumente und Entscheidungen beeinflusst habe, etwa die Betonung der herausragenden Stellung des Gewissens in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils. Jägerstätter habe dadurch bestehende Verhältnisse verändert. "Er ermutigt dadurch auch uns, kleine persönliche Entscheidungen zu treffen, die vielleicht auch Großes bewirken können", stellte Holztrattner den Bezug zum Heute her.

Abschließend plädierte sie für die Heiligsprechung von Franz und Franziska Jägerstätter als christliches Ehepaar, weil "der Weg von Franz ohne Franziska nicht möglich gewesen wäre und die beiden auch unter widrigsten Umständen von der Liebe Christi Zeugnis gegeben haben".

Andacht zur Todesstunde

Am Donnerstagnachmittag führte eine Fußwallfahrt von Tarsdorf nach St. Radegund, wo um 16 Uhr eine Andacht zur Todesstunde von Franz Jägerstätter stattfand, die von "Pax Christi" gestaltet wurde. Am Abend feierte Bischofsvikar Maximilian Mittendorfer mit den Teilnehmern die Messe in der Pfarrkirche von St. Radegund. In seiner Predigt nahm Mittendorfer Bezug auf das Schreiben von Papst Franziskus "Gaudete et exsultate" über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Jeder und jede sei darin aufgerufen, am je eigenen Platz Christus nachzufolgen. "Lass zu, dass die Taufgnade in dir Frucht bringt", zitierte der Bischofsvikar aus dem päpstlichen Schreiben. Franz Jägerstätter habe das Papstwort mit seinem Leben bereits vorweggenommen.

Die große Gnade von Franz Jägerstätter sei zudem seine Frau Franziska gewesen, betonte Mittendorfer: "Sie haben einander im Glauben gestärkt und halfen armen Nachbarn. Das erfahrene Glück seiner Ehe war Franz Jägerstätter ein Gottesbeweis. Beide trug die Hoffnung, dass sie im Himmel zusammenkommen. Beide haben ihre Berufung zur Heiligkeit als einfache Christen erkannt und gelebt." Den Abschluss des Gedenkens bildete eine Lichterprozession zum Grab von Franz und Franziska Jägerstätter (1913-2013).

Seligsprechung 2007

Der Innviertler Landwirt und Familienvater hatte sich aus Glaubensgründen geweigert, mit der Waffe für das Nazi-Regime in den Krieg zu ziehen. Daraufhin wurde er vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tod verurteilt und vor 75 Jahren, am 9. August 1943, in Brandenburg an der Havel durch Enthauptung hingerichtet.

Der Seligsprechungsprozess wurde 1997 offiziell eröffnet und ab 1998 vom heutigen Linzer Bischof Manfred Scheuer als Postulator geleitet. Am 1. Juni 2007 bestätigte Papst Benedikt XVI. das Martyrium, woraufhin die Seligsprechung am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom stattfinden konnte. Als Gedenktag wurde der 21. Mai festgesetzt.

Jägerstätters Ehefrau Franziska, die für seinen religiösen Glauben eine große Rolle spielte, verstarb am 16. März 2013, wenige Tage nach ihrem 100. Geburtstag.

(10.08.2018, KAP)