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Erdogan beim Papst: Schwierig, aber nicht hoffnungslos

Seine Begegnung mit Papst Franziskus am 5. Februar im Vatikan hat den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nach Informationen aus seiner Umgebung "tief beeindruckt". Der Heilige Vater nahm sich für das vertrauliche Gespräch "Kopf an Kopf" - wie es auf Türkisch bezeichnet wurde - mit dem umstrittenen Machthaber von Ankara fast das Dreifache der vorgesehenen Audienz Zeit.

Offizielle Reaktionen aus der Türkei dürften länger auf sich warten lassen. Jedenfalls geht aus ersten Agentur-, Fernseh- und Zeitungsberichten sowie -kommentaren aus Ankara hervor, dass Erdogans Erwartungen auf weitgehenden päpstlichen Segen für seine Politik im Allgemeinen und die Jerusalemfrage im Besonderen weitgehend enttäuscht wurden.

Der Präsident habe bei Franziskus kein leichtes Spiel gehabt, dieser habe ihm jedoch Wege für eine künftige Annäherung und Zusammenarbeit aufgezeigt. So hellte sich auch die anfänglich "zurückhaltende" Atmosphäre der Aussprache in der vatikanischen Bibliothek zunehmend auf.

Durchbruch im Jahr 1960

1959, als unter Johannes XXIII. das bisher letzte türkische Staatsoberhaupt Celal Bayar seinen Fuß in den Vatikan setzte, waren die Voraussetzungen kaum besser. Bei dem damaligen Präsidenten handelte es sich in seiner Frühzeit um einen persönlichen Verfolger armenischer und griechisch-orthodoxer Christen. 1955 trug er an der Spitze erneut Mitverantwortung für das Istanbuler Septemberpogrom in den christlichen und jüdischen Vierteln. Der Roncalli-Papst empfing Bayar überhaupt nur aus alter Wertschätzung für die Türkei, wo er in den 1930er Jahren Apostolischer Delegat gewesen war.

Doch im Jahr darauf konnte sich das Ergebnis sehen lassen: 1960 wurden erstmals in der Geschichte von Osmanischem Reich und Türkischer Republik volle diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl aufgenommen.

Ähnliche Spätwirkungen erhoffen sich jetzt Beobachter in Istanbul vom Tauwetter nach zunächst frostigem Beginn zwischen Erdogan und Franziskus. Dabei dürfte es in machtpolitischen und militärischen Angelegenheiten - vor allem bei der Kurdenfrage und mit Blick auf die Lage in Syrien - zu keiner Verständigung gekommen sein. Der Friedensengel, den der Heilige Vater zum Abschluss an den türkischen Kriegsherrn von Afrin überreichte, sollte für diesen keine Belohnung, sondern ernste Mahnung sein.

Gute Perspektiven dürften sich eher für eine Verbesserung des Status" der katholischen Kirche in der Türkei ergeben haben. Wie sehr dem Papst das am Herzen liegt, zeigte der von ihm unmittelbar nach der Audienz für Erdogan angesetzte Ad-limina-Besuch der chaldäisch-katholischen Bischöfe, unter ihnen auch ihr Patriarchal-Administator in Istanbul, François Yakan. Im Unterschied zu armenisch-apostolischen, griechisch-orthodoxen und auch Israeliten genießen katholische - ebenso wie evangelische - Christen selbst in der modernen Türkischen Republik keine öffentlich-rechtliche Anerkennung.

Frankreich, Deutsches Reich, Donaumonarchie 

Dabei handelt es sich jedoch um keine gezielte Diskriminierung, sondern um das Ergebnis einer besonderen historischen Entwicklung. Unter den Osmanensultanen, die bodenständigen religiösen Minderheiten pauschale Duldung als "Religionsvölker" (millet) gewährt hatten, wurden mit den in der Regel ausländischen Katholiken nur Einzelabkommen geschlossen: Mit der italienischen "Comunita" von Istanbul oder den Franziskanern in Bosnien und dem Heiligen Land.

Später erlangten Frankreich und das Deutsche Reich samt dem österreichischen Kaisertum als Rechtsnachfolger in der Türkei Schutzrechte für die katholischen Einwohner, ihre Kirchen, Klöster und Schulen. Doch 1914 wurden diese "Kapitulationen" allesamt aufgehoben. Seitdem schweben die türkischen Katholiken mit ihren Einrichtungen praktisch im rechtlosen Raum. Gerade da soll Erdogan dem Heiligen Vater nun Abhilfe zugesagt haben.

Papst Franziskus lag aber im Gespräch mit Erdogan sicher nicht nur die katholische Kirche in der Türkei am Herzen, sondern auch die anderen Christen - und Juden. Diese sahen sich in jüngster Zeit unverblümtem Druck ausgesetzt, Unterstützungserklärungen für den türkischen Militäreinsatz gegen die syrischen Kurden abzugeben. An ihrer Spitze sogar der ökumenisch und als "Umweltapostel" so profilierte orthodoxe Patriarch in Istanbul, Bartholomaios I., der mit Franziskus engen Kontakt hält.

Bartholomaios offenbar erpresst

Wenn Informationen des "National Herold" in New York stimmen, wurde dem Ökumenischen Patriarchen die Schließung seines Kirchenzentrums im Phanar von Istanbul und sogar seine Ermordung durch den türkischen Geheimdienst MIT angedroht, falls er sich nicht zur Unterstützung von Erdogans Kampf in Afrin breitschlagen lasse. Jetzt soll Franziskus dem selbstherrlichen Machthaber aus Ankara unmissverständlich klargemacht haben, wie sehr ihm die Sicherheit und Freiheit von Bartholomaios am Herzen liegt. Immerhin haben er selbst und damit seit Paul VI. in über 50 Jahren vier Päpste die Türkei in erster Linie nur wegen des Ökumenischen Patriarchats besucht.

Auch die wachsende Not der Menschen im jüngsten nordsyrischen Kriegsgebiet stand Franziskus ins Gesicht geschrieben, als er fast eine Stunde lang Erdogan ins Gewissen redete. Unter ihnen sind neben Kurden zahlreiche alteingesessene aramäische Christen und - weniger - evangelische Neubekehrte. In Hilferufen von Gemeinden aus Afrin wird schon über christenfeindliche Übergriffe geklagt - nicht seitens der regulären türkischen Truppen, sondern von Dschihadisten in den Reihen syrischer Freischaren Ankaras. Derart irreguläre "Renner und Brenner" waren schon immer der eigentliche Schrecken rund um die Türkenheere.

Der Vatikan teilte im Anschluss an das Gespräch mit, man habe die Notwendigkeit von Frieden und Stabilität in der Region betont. Dafür brauche es "Dialog und Verhandlungen sowie die Einhaltung von Menschenrechten und internationalen Gesetzen".

Eigentlich hatte Erdogan beim Papst auf einen starken Auftritt als Wortführer gesamtislamischen Einspruchs gegen die Initiative von US-Präsident Trump zur Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt spekuliert. Seitdem und seinem damaligen Telefongespräch mit Franziskus sind Erdogans Aktien bei den Arabern jedoch infolge seiner Syrienabenteuer auf Sturzflug. Nur mehr Jordanien, das Emirat Katar und der Sudan machen mit der Türkei gemeinsame Sache. Denn der jordanische König Abdullah II. will sich die traditionelle Rolle als Schirmherr der Jerusalemer Muslimheiligtümer nicht von den Saudis streitig machen lassen, und Katar wiederum trennen seine widersprüchlichen Interessen am Golf von Saudi-Arabien. Das Emirat wie Amman suchen daher weiter türkische Rückenstärkung.

Der sudanesische Schlächter von Darfur, Südsudan und Kordofan, Präsident Omar al-Baschir, hat den Türken sogar ihren alten osmanischen Rotmeerhafen Suwakin wiedergeschenkt, um seine weltweite Ächtung zu durchbrechen. Mit so einem Verbündeten konnte Erdogan bei Papst Franziskus natürlich nicht punkten.

(06.02.2018, KAP/KNA)