November
Weingarten
Bischof Alois Schwarz im Radio NÖ Interview
 
 

Enquete im NÖ-Landhaus: 3. Lebensphase als Chance sehen

Enquete im NÖ-Landhaus: 3. Lebensphase als Chance sehen

St. Pölten, 11.09.2018 (dsp) „Gerade die 3. Lebensphase – ab 55. Jahren – bietet ungeahnte, aber Gott sei Dank, viel genützte Chancen. Wer heute in Pension geht, hat gut ein Drittel seines Lebens (noch) vor sich“, darauf verwies die Seniorenpastoral der Diözese St. Pölten und Wien bei der Enquete „INSPIRATIOooN - Heute beginnt der Rest meines Lebens!“ im Niederösterreichischen Landhaus in St. Pölten. 240 Seniorinnen und Senioren nahmen daran teil. Eine Gesellschaft, die sich definiere und damit reduziere auf jung, dynamisch, erfolgreich, selbstbewusst und gesund, denke und handle kurzfristig, hieß es.

Die Menschen dieser Generation seien das lebendige Archiv vergangener Tage, Hüter von Familienwissen bis hin zu Geheimnissen: von Koch- bis Lebensrezepten und Weisheiten aller Art, von erlebtem und erlittenem Leben. Das könne auch von Interesse für jüngere Generationen sein, so Andrea Moser von der Seniorenpastoral der Diözese St. Pölten. „Senioren dürfen keine Umkostenfaktoren sein, über die entschieden wird, ob sich eine neue Hüfte oder ein neues Knie noch auszahlt“, so die Seniorenpastoral. Die Humanität einer Gesellschaft werde sich mehr und mehr auch im Umgang mit dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe zeigen. Daher erinnert Moser die Jugend: „Was Eure Kinder an Euch im Umgang mit den Alten sehen und erleben, werden sie Euch einmal zukommen lassen.“ Hier gelte die Goldene Regel: „Behandle Menschen der 3. und 4. Lebensphase so, wie Du einmal in einem absehbaren Zeitraum behandelt werden willst.“

Moser bringt viele Aspekte von Senioren auf den Punkt: Sie müssen nicht mehr in Erwerbsarbeit investieren, seien wirtschaftlich großteils gesättigt und würden überwiegend über eine gute Kaufkraft verfügen. Weiters seien viele geistig rege und würden den Tourismus beleben. Dazu kämen Freiräume für sich und die spirituelle Entwicklung. Wer bis in diese Lebensphase kaum oder wenig Zeit und Energie in seine seelische Entwicklung investiert hat, der könne „seinen Abgang aus dieser Welt beeinflussen, indem er bzw. sie handelt“. Hier sei Inspiration gefragt.

Christiane Teschl-Hofmeister, für Senioren-Angelegenheiten zuständige NÖ-Landesrätin, würdigt die Seniorenarbeit in Niederösterreich: sowohl von Ehren- als auch Hauptamtlichen. Das sehe man schon an den vielen Jubiläen von Seniorenheimen, an denen sie oft teilnehme. Viel könne man von älteren Menschen lernen. Diese könnten weiter viel tun, etwas für Körper und Geist, dazu wolle sie auch motivieren. Sie - Jahrgang 1973 --erzählt, wie sie kürzlich von Seniorinnen bei einem Frauenlauf überholt worden sei. Die Anzahl der vielen Senioren habe eine neue Arbeitswelt ergeben. Man müsse ihre Anliegen ernstnehmen, es sei eine Gesellschaft der Langlebigkeit geworden. Es sei eine wichtige Aufgabe, Anreize zu schaffen, dass es allen gut geht. Sie betont die Bedeutung von Eigeninitiativen und dazu sei man auf dem richtigen Weg – das zeige diese Veranstaltung.

Gerhard Reitzinger, Geistlicher Begleiter der Pastoralen Dienste, sagt: „Seniorenpastoral ist ein wichtiger Faktor in der Kirche.“ Er wünscht sich Gelassenheit, das sei ein großer Schatz, den es noch viel mehr zu heben gelte. Bis ins hohe Alter könne man noch viel machen und das ergebe Inspiration. Viele Ressourcen würden dafür von den Pastoralen Diensten bereitgestellt. Das Miteinander und Gemeinsame fördern und aufeinander zuzugehen, werde der Trend der Zukunft werden – ob in Wirtschaft, Politik oder in der Kirche.

„Alle Menschen sind Suchende“, so der renommierte Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner. 3 Fragen – nach Kardinal Franz König – könnten auch für die Seniorenpastoral maßgeblich sein: Woher komme ich? Welcher Sinn hat mein Leben? Wohin geht mein Leben? Für alte Menschen kann folgende Fragen zentral sein: Bin ich zum liebenden Menschen geworden, habe ich Liebe erfahren? Für Liebe sei es nie zu spät anzufangen darauf verwies Zulehner in seinem Hauptvortrag. Das könne bedeuten: Kranke besuchen, Gefangene besuchen oder eben die Umsetzung der Bergpredigt. Wirksamste Form der Nächstenliebe sei die Politik. Es sei nicht entscheidend, was wir erreicht haben im Leben, sondern was wir als Mensch geworden sind.

Seelsorge müsse nicht nur Aktionismus forcieren, sondern vielmehr Präsenz Gottes ermöglichen, etwa durch Stille. Zentral: eintauchen in das Geheimnis Gottes. Überall werde das Misstrauen hervorgehoben, wichtig sei das Vertrauen zu forcieren. Vertrauen in das Leben, auch im hohen Alter.

Wer in der Angst gefangen sei, könne keine Solidarität mehr mit anderen finden und nicht mehr lieben. Daher solle die Seniorenpastoral Räume des Vertrauens schaffen. Lebenskunstwerk sei es, Vertrauen zu lernen, um in der Angst zu bestehen. Wir hätten beide Dimensionen in uns: Angst und Vertrauen, derzeit gebe es in der Gesellschaft sehr viel Angst. Es bedürfe, die Angst zu überwinden und wieder Vertrauen zu finden, die in Gott wurzelt. Auch die Theologie könne entängstigen. Viele Ältere hätten noch Angst vor dem Fegefeuer oder dem Ewigen Gericht.

Veranstalter der Enquete war die Seniorenpastoral der Erzdiözese Wien und der Diözese St. Pölten. Den Ehrenschutz hatten u.a. Kardinal Christoph Schönborn, Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Diözesanbischof Alois Schwarz inne.

Leiter von Seniorengruppen und Seniorenrunden, Verantwortliche für Seniorenarbeit und -betreuung in Gemeinden und Pfarren und Klöstern wie auch Krankenhaus- oder Pflegeheimseelsorger sprachen über Perspektiven, Chancen und Herausforderungen ihrer Arbeit. Am Nachmittag gab es Inspirationen zu Körper (Dietmar Kleinbichler, Arzt), Geist (Martin Oberbauer, Psychologe) und Seele (Elisabeth Lukas, Psychotherapeutin). Die Veranstaltung fand um 16.30 Uhr in der Landhauskapelle ihren spirituellen Abschluss.