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Bischof Küng in "Kirche bunt": Dankbar für "intensive Jahre"

Bischof DDr. klaus Küng

St. Pölten, 28.06.2018 (dsp) Zu seinem Abschied von St. Pölten bat „Kirche bunt“ Bischof DDr. Klaus Küng zum ausführlichen Interview.

<--break->Sehr geehrter Herr Bischof: Sie haben die Diözese St. Pölten im Herbst 2004 übernommen. Nun heißt es Abschied nehmen. Fällt Ihnen dieser leicht?

Es waren sehr intensive Jahre. Ich habe Land und Leute kennengelernt und so entstand eine nach und nach tiefer gewordene Beziehung zu vielen Menschen. Ich habe hier Wurzeln geschlagen. So ein Abschied fällt nicht leicht, ich hoffe freilich, dass wir verbunden bleiben, auch wenn ich ein wenig wegrücke.

Die Diözese St. Pölten hat 422 Pfarren – waren Sie in Ihrer Zeit als Bischof in jeder Pfarre?

Ich habe im Verlaufe der vergangenen Jahre den Großteil der Pfarren besucht, in vielen war ich mehrmals, in manchen sogar häufig. Trotzdem gab es die eine oder andere Pfarre, in der ich nie etwas zu tun hatte.

Sie haben sich damals, als Sie die Aufgabe übernommen haben, zum Ziel gesetzt, in der Diözese die Ordnung wiederherzustellen, Spannungen abzubauen, Gräben zu schließen und Wunden zu heilen. Gibt es noch einen Überhang nach der Ära Krenn, oder ist alles aufgearbeitet?

In der Tat danke ich Gott und allen, die mitgeholfen haben, dass so mancher Heilungsprozess in Gang gekommen ist, auch wirkliches Verheilen stattgefunden hat. Trotzdem gibt es weiter manche Wunde, die noch schmerzt, vielleicht noch nicht heilen konnte. Ich wünsche meinem Nachfolger und der ganzen Diözese, dass sich dieser Prozess der Heilung fortsetzt. Spannungen können sehr schnell wieder aufleben.

Was war Ihnen in Ihrer Aufgabe als Bischof insgesamt am wichtigsten? Was ist Ihnen besonders am Herzen gelegen?

Dass die Menschen Jesus entdecken, den Mensch gewordenen Gott, der durch die Kirche – trotz aller Schwächen – unter uns gegenwärtig ist. Das größte Anliegen ist mir die Wiederentdeckung des Glaubens. Damit verbunden die Erfahrung, dass dieser Glaube eine ganz besondere Quelle der Kraft und Jesus „Heiland“ ist, der die Vergebung der Sünden vermittelt, ja, Heilung bewirkt. Dabei hatte und habe ich die Familien und die Jugend immer ganz besonders im Blick. Es braucht eine neuerliche Verbreitung des Evangeliums in die Herzen der Menschen unserer Zeit.

Gibt es etwas, worauf Sie mit besonderer Dankbarkeit zurückblicken?

Da gibt es eigentlich Vieles: Einige spirituelle Initiativen waren fruchtbar. Ich denke z. B. an die „33 Schritte“ oder an „Jesus und ich“ oder an die Abende der Barmherzigkeit, die wirklich gut besucht waren. Dankbar bin ich für die vielen Freundschaften und Vertrauensverhältnisse, die in diesen Jahren entstanden sind. Mit Dankbarkeit denke ich auch an mehrere Berufungen zum Priestertum und in geistlichen Gemeinschaften und zum Diakonat.

Und gibt es etwas, was Sie im Rückblick auf Ihre Jahre als Bischof in der Diözese St. Pölten auch bereuen?

Insbesondere in den ers­ten Jahren war ich des Öfteren zu ungeduldig. Ich hatte bei meinen Bemühungen als Bischof von Feldkirch nach und nach erkannt, wo in der pas­toralen Landschaft in unserer Zeit der Schuh drückt und meinte, in der Diözese St. Pölten das Erkannte umzusetzen und zu erreichen, dass jene Grundlagen entstehen, die nötig sind, damit die Saat von Neuem aufgehen und wachsen kann. Da sind wir leider nicht so weit gekommen, wie ich es mir erhofft hatte. Nach einiger Zeit habe ich wahrgenommen, dass meine Ungeduld nicht hilfreich ist.

Sie waren in der Österreichischen Bischofskonferenz u. a. für den Lebensschutz zuständig. Abtreibungen oder auch Sterbehilfe gehört für viele in immer mehr Ländern heute zum Recht. Hat die Kirche da versagt?

Bezüglich der „Sterbehilfe“ möchte ich festhalten, dass in Österreich sehr früh und entschlossen die Hospizbewegung aufgebaut wurde, das war vor allem ein Verdienst unserer Caritas. Es ist dann auch durch das beherzte Engagement einiger Politiker gelungen, einen überparteilichen Konsens zu erzielen, dass bei uns nicht Euthanasie eingeführt wird, sondern die Hospizbewegung und die Palliativ-Medizin gefördert werden sollen. Es ist sicher Wachsamkeit nötig, dass es so bleibt und weiter ausgebaut wird, aber im Vergleich zu anderen Ländern geht es uns besser.
Bezüglich Lebensschutz am Anfang des Lebens konnte die gesetzliche Lage trotz mehrerer, zum Teil wirklich großer Anstrengungen nicht verändert werden. Auch ich selbst habe wirklich Vieles versucht und unterstützt, wo es ging. Im Grunde genommen will niemand eine Abtreibung. Es geht auch nicht darum, die frühere Gesetzgebung, die Abtreibung unter Strafe stellte, wiederherzustellen, sondern um die Schaffung von Möglichkeiten, um besser zu helfen wie z. B. die Einführung einer Frist zwischen Bitte um Abtreibung und Durchführung zur Vermeidung überstürzter Handlungen oder Abschaffung der eugenischen Indikation. Die Familienfeindlichkeit unserer Zeit ist das übergeordnete Thema: Kinder und Familien werden fast nur mehr betrachtet als „Vereinbarkeitsfrage“, werden nicht ausreichend gefördert und unterstützt. Der Sexualität wurde die Fruchtbarkeit genommen, das Geschenk der Schwangerschaft und die wunderbare Gabe, bei der Entstehung des Lebens mitzuwirken, wurde gesellschaftlich genormt zu einem Schwarzweiß aus „gewollt“ und „ungewollt“, zu „Verhütung“ versus „Wunschkind“. Diese Entwicklung ist fatal. Jetzt starten mehrere Gruppen gemeinsam eine neue Bür­gerinitiative. Ich höre nicht auf zu hoffen, dass es in Zukunft um ein ganzheitliches Verständnis von Familie, Frauen sowie den geborenen und ungeborenen Kindern geht.

Die Frage um den Umgang mit den wiederverheirateten Geschiedenen ist nach wie vor ein Streitthema. Ist für Sie da der Papst zu weit gegangen?

Es tut mir leid, wenn man immer nur über das Thema der wiederverheirateten Geschiedenen und da eingeschränkt auf die Frage des Kommunionempfanges diskutiert. „Amoris laetitia“ tut das nicht. Dieses Apostolische Rundschreiben von Papst Franziskus enthält viele positive und wertvolle Ansätze. In der Österreichischen Bischofskonferenz ist man dabei, die Ehevorbereitung neu aufzustellen. Das ist wichtig. Ich hoffe auch, dass die Begleitung junger Familien intensiviert wird und dass in der Pfarrseelsorge der christlichen Familie, noch viel mehr als es jetzt der Fall ist, eine tragende Rolle zukommen wird. Aber auch im Zusammenhang mit dem pastoralen Bereich der geschiedenen und wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen enthält „Amoris laetitia“ sehr wertvolle Ansätze, die mir gut und wichtig scheinen. Klar ist auch, dass für den fruchtbaren Kommunion­empfang gewisse Voraussetzungen nötig sind. Das ist ein wichtiges Thema, das viel mehr Bereiche tangiert als den Bereich der geschiedenen und wiederverheirateten Gläubigen.

Haben Sie Sorge um die Kirche?

Ich zitiere gerne den Autor Chesterton, der einmal geschrieben hat: „Die Kirche war mindestens 30 Mal völlig am Hund, gestorben ist aber jeweils der Hund.“ Auch beim Studium der Geschichte unseres eigenen Landes stoßen wir bisweilen auf schlimme Situationen der Kirche, aber es gilt die Verheißung Jesu, dass die Pforten der Unterwelt sie nicht überwältigen werden. Die Verfolgungen, die Christen erleiden, sind gerade im vergangenen und auch in diesem Jahrhundert stärker denn je, aber schon die Römer mussten feststellen, dass man die Christen durch Gewalt nicht auszurotten vermag. So wird es bis ans Ende der Zeit sein. Ich glaube an das Wirken des Heiligen Geistes. Ich kann aber nicht verschweigen, dass meines Erachtens gerade in den Wohlstandsländern, wo in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten die Glaubenspraxis sehr stark nachgelassen hat und die Glaubensweitergabe von einer Generation zur nächsten in vielen Fällen nicht mehr funktioniert, eine gründliche Reform nötig ist, die sich nicht nur auf die Frage der Strukturen beschränken darf. Wie lange es dauern wird, bis eine solche Reform wirklich greift, ist schwer abzuschätzen.

Haben Sie Sorge, dass die österreichische Gesellschaft in Parallelgesellschaften zerfallen könnte? Stichwort: Homoehen, christliche Ehen, etc.?

Die gesellschaftspolitische Landschaft ist bereits sehr bunt geworden. Es ist durchaus möglich, dass die Kontraste noch schärfer werden. Es ist auch eine Frage, wann wir Christen aufwachen und wie lange wir weiter der Versuchung nachgeben, uns dem aufkommenden Mainstream einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft anzupassen. Aber das Christentum wird, wenn es gelebt wird, immer eine große Anziehungskraft besitzen, weil das Wahre, Schöne und Gute anzieht.

Kennen Sie die großen Zweifel? Die dunklen Stunden, von denen so viele – auch tiefgläubige Menschen wie die hl. Thérèse von Lisieux oder die hl. Mutter Teresa – gesprochen haben?

Wohl jeder Christ erlebt auch Zeiten der Bedrängnis. Wenn etwas Gutes entstanden ist, musste ich mir sagen: Das kommt nicht von mir, und gerade diese Feststellung war mir Anlass zu großer Freude und die Erfahrung habe ich öfter gemacht. Wenn die Bedrücktheit überhand nahm, dann deshalb, weil es mir an Vertrauen in das Wirken des Herrn gefehlt hat. Und ich musste lernen, das Ventil einer großen Bitte an Gott zu öffnen. Das brachte mir fast immer den Frieden. Aber so ganz habe ich das noch immer nicht gelernt.

Herr Bischof, Sie haben Ihr Leben Gott geweiht. Kann man als Bischof überhaupt in Pension gehen?

Zum Bischof wird man für immer geweiht. In diesem Sinne gibt es keine „Pension“. Solange ich gesund bin, werde ich sicher tätig sein, aber ohne Leitungsverantwortung. Hoffentlich wird es etwas ruhiger und habe ich mehr Zeit, um zu beten und zu lesen.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Ich wünsche ihm Gelassenheit und Geduld, auch viel Mut, um die Diözese in die Gewässer einer missionarischen Kirche zu führen. Gleichzeitig wünsche ich ihm ein großes Herz für die Nöte der Menschen.

Was wünschen Sie der Diözese St. Pölten?

Dass sie möglichst bald den Weg zur Grundlegung einer Seelsorge findet, die die Menschen zu einem konsequenten Christsein ermutigt und aus der christliche Familien und eine Berufungspastoral für Jugendliche hervorgehen. Weiters wünsche ich der Diözese Frieden und Einheit, ein noch stärkeres Zusammenrücken unter den Priestern und Diakonen, Religionslehrern und Pastoralassistenten sowie Laien, alle verbunden mit dem Bischof. Möge die Fürsprache Mariens die Diözese St. Pölten beschützen und begleiten!

Interview: Sonja Planitzer