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Unbekannte und mutige Bischofspredigt Memelauers gegen NS-Euthanasie neu präsentiert

Foto: Kanzler Gottfried Auer, Sandra Stummer und Eugen Novak vom St. Pöltner Diözesanarchiv, Angelika Beroun-Linhart (Katholischer Akademiker/innenverband), DÖW-Experten Winfried Garscha und Gerhard Baumgartner, Bischof Klaus Küng, Generalvikar Eduard Gruber, Propst Maximilian Fürnsinn.

St. Pölten, 10.02.2017 (dsp) "Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben": Das ist die Kernaussage in der mutigen Silvesterpredigt des damaligen St. Pöltner Bischofs Michael Memelauer vom 31. Dezember 1941, in der er als einziger Bischof in der damaligen "Ostmark" unmissverständlich und öffentlich die "Euthanasie"-Politik des NS-Regimes verurteilte. Das Diözesanarchiv St. Pölten verwahrt den Predigttext, der einer breiten Öffentlichkeit bisher weitgehend unbekannt war. 75 Jahre nach Memelauers Fanal gibt das Archiv dieses außergewöhnliche zeitgeschichtliche Dokument jetzt gemeinsam mit dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) in Form einer Broschüre heraus.

Gerhard Baumgartner vom DÖW bedauert, dass dieses Dokument bislang viel zu unbekannt sei. Vom DÖW sei man daher jetzt erfreut über diese Präsentation. Das DÖW erinnerte daran, dass Michael Memelauer (gelebt von 1874 bis 1961, Bischof von St. Pölten von 1927 bis 1961) "der NS-Diktatur von Anfang an misstrauisch gegenüber gestanden“ sei. Auch nach dem "Anschluss" äußerte der St. Pöltner Bischof - wie das DÖW hinwies - immer wieder Kritik an nationalsozialistischen Gesetzen, Verordnungen und Maßnahmen. Besonders deutliche Worte fand Memelauer in der Silvesterpredigt des Jahres 1941 gegen die nationalsozialistischen Massentötungen von kranken und behinderten Menschen, die auch im "Reichsgau Niederdonau" (das heutige Niederösterreich und das Nordburgenland) Hunderte Opfer forderten.

Bischof Küng: Memelauer hatte Mut, Nazis zu widersprechen

Diözesanbischof Klaus Küng verwies auf die Wichtigkeit des Erinnerns durch solche Zeugnisse in der Schule für jüngere Generationen und durch historische Gedenkorte in Österreich wie z.B. die frühere NS-Tötungsanstalt Hartheim. Man sehe auch, wie subtil vom NS-Regime, z.B. mit Propaganda-Filmen, mit Mitteln böser Inszenierung, wie des scheinbaren Mitleids, die Tötung von Menschen verharmlost werden sollte. Es sollte dadurch die natürliche Ablehnungsschwelle in der Gesellschaft gesenkt werden.

„Bischof Memelauer hatte den Mut, laut zu widersprechen. Seine Worte lehren uns, dass man dort nicht schweigen dürfe, wo Unrecht das Menschsein bedroht, denn das Böse lebe vom Schweigen der Guten“, so Küng. Immer dann, wenn versucht werde, die Unterscheidung von Gut und Böse aufzuheben, gefährde das eine Gesellschaft an ihren Wurzeln. Es gelte, in allen Zeiten wachsam zu sein, wenn die Heiligkeit des menschlichen Lebens bedroht sei, so der Bischof unter Hinweis auf vielfältige Bedrohungen des geborenen oder ungeborenen Lebens heute. Die Würde des menschlichen Lebens sei unantastbar, niemand habe das Recht sie zu verletzen, so Küng weiterführend.

DÖW-Experte Garscha: Predigt Memelauers einzigartig

Winfried Garscha ordnete die Predigt als „historisch“ ein. Die Bischöfe hätten zwar versucht, Druck auf die Nationalsozialisten auszuüben, um die Verfolgung von kranken und behinderten Menschen zu verhindern, doch dieser sei vergeblich gewesen. Aber die NS-Führung habe gewollt, dass sich die Kirchenoberen nicht an die Öffentlichkeit wenden. In dieser Form sei die Predigt Memelauers nach dem „Anschluss“ in Österreich einzigartig gewesen. Der Experte verwies auch auf die Situation, in der man sich damals befand. Und weiters würdigte er den Mut des kirchlichen Würdenträgers, der nicht wissen haben konnte, ob die Predigt nicht eine Verhaftung mit sich zieht. Der DÖW-Experte: „Diesen Mut muss man würdigen!“ Garscha erinnerte daran, dass bereits viele einfache Christen und Priester der Verfolgung ausgesetzt waren. Unmittelbar davor, am 8. Dezember habe die Hitler Jugend (HJ) im Stephansdom Gläubige attackiert, was auch Bischof Memelauer erfuhr.

In der "Ostmark" blieb Bischof Memelauers Silvesterpredigt im Dom zu St. Pölten "in der österreichischen Kirchengeschichte einmalig", würdigte das DÖW. Zwar hatte es auch hierzulande Bemühungen des Episkopats gegeben, gegen die in verschiedenen Etappen und Aktionen durchgeführte Vernichtung "lebensunwerten Lebens" Stellung zu nehmen, doch waren entsprechende Protestschreiben und Hirtenbriefe "von einer kompromissbereiten Haltung" gekennzeichnet. Memelauer rage hier durch seinen Mut heraus, erklärte das DÖW: Kein anderer Bischof habe mit solcher Eindeutigkeit die Euthanasie öffentlich verurteilt - und das zu einem Zeitpunkt, als die NS-Machthaber die Öffentlichkeit glauben machen wollten, die Euthanasie sei bereits eingestellt worden.

Angestoßen wurde der Bischofsprotest auch durch ein Dekret der Päpstlichen Kongregation für die Glaubenslehre vom Dezember 1940: Es verpflichtete die Bischöfe, die Katholiken über das Verbot zu informieren, an der "Euthanasie" mitzuwirken. Als Reaktion darauf nahmen auch einige deutsche Bischöfe öffentlich Stellung, u.a. der Bischof von Münster, August von Galen, im August 1941, nach dessen Predigten das NS-Regime ihre zentral gelenkte Massenmordaktion abbrach, auf dezentraler Ebene jedoch fortsetzte.

Aus der Predigt: Fünftes Gebot nicht aufhebbar

"Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben", heißt es in Memelauers Predigttext. Und weiter: "Es ist und bleibt ein Eingriff in die hl. Gottesrechte und eine Verletzung der natürlichen Menschenrechte, einem Menschenleben gewaltsam ein Ende zu machen. ... Darum haben wir Bischöfe gegen die Tendenzen unserer Zeit an höchster Stelle Protest erhoben und werden niemals schweigen zur Beseitigung unwerten und unproduktiven Lebens und werden es immer als das bezeichnen, als was es bei allen Kulturvölkern angesehen wird."

Das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" bezeichnete Memelauer als "das gewaltige, die Menschheit auf der ganzen Welt schützende Gottesgesetz"; "und dieses Gesetz soll für deutsche Menschen nicht mehr gelten, wenn sie nach Ansicht eigener Volksgenossen als unproduktiv und lebensunwert bezeichnet werden?"

Wo zu bestellen?

Die Broschüre "Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben", die das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und das Diözesanarchiv St. Pölten 75 Jahre nach diesen bemerkenswerten Worten herausgeben, enthält neben einer Einführung in den Themenkomplex der nationalsozialistischen Krankenmorde einen vollständigen Abdruck dieses historischen Dokuments. Damit werde die zeitgeschichtliche Bedeutung von Memelauers Predigt vor Augen geführt.

(Bestellungen der Broschüre zum Preis von 5 Euro beim Diözesanarchiv St. Pölten, Klostergasse 10, 3100 St. Pölten, archiv@kirche.at)

Foto: Kanzler Gottfried Auer, Sandra Stummer und Eugen Novak vom St. Pöltner Diözesanarchiv, Angelika Beroun-Linhart (Katholischer Akademiker/innenverband), DÖW-Experten Winfried Garscha und Gerhard Baumgartner, Bischof Klaus Küng, Generalvikar Eduard Gruber, Propst Maximilian Fürnsinn.