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Papst drängt auf Klarheit zu Medjugorje

Am Marienwallfahrtsort Medjugorje scheiden sich die Geister. Seit im Frühsommer 1981 sechs Seher-Kinder von Marienerscheinungen und übernatürlichen Botschaften berichteten, wurde der Ort im Südwesten von Bosnien-Herzegowina zum Anziehungspunkt wachsender Pilgerscharen. Die Ortskirche verhielt sich nach ersten Überprüfungen zurückhaltend und lehnt offizielle kirchliche Wallfahrten ab.

Der Vatikan mahnt zu Vorsicht: Eine Anerkennung übernatürlicher Phänomene bleibe ausgeschlossen, solange diese noch im Gange seien. Dennoch wächst die Zahl der Medjugorje-Pilger ständig, und ebenso die der Anhänger der Visionen und der inzwischen erwachsenen Seherinnen und Seher.

Jetzt will Papst Franziskus Klarheit schaffen und hat einen Sondergesandten mit einer neuen Prüfmission beauftragt: den polnischen Erzbischof Henryk Hoser von Warschau-Praga. Die Beauftragung des Pallottiner-Erzbischofs deutet darauf hin, dass Franziskus nach Wegen sucht, wie die Kirche - unabhängig von den angeblichen Erscheinungen - den blühenden Wallfahrtsbetrieb positiv und strukturiert begleiten kann. Hoser soll dort die pastorale Situation und die Bedürfnisse der Pilger erkunden und daraus Empfehlungen für die Zukunft erarbeiten. Die Mission wird laut Vatikan einen "ausschließlich pastoralen Charakter" haben. Das Phänomen der Privatoffenbarungen und die Rolle der inzwischen erwachsenen Seherinnen und Seher, die mit großer Häufigkeit weitere Botschaften erhalten wollen, gehören also nicht zu Hosers Auftrag.

Genaue Zahlen von Medjugorje-Pilgern gibt es nicht, es sollen mehrere Millionen jährlich sein. Und - ganz abgesehen von den angeblichen Visionen - findet in Medjugorje inzwischen ein reges Frömmigkeitsleben statt, mit Gebeten und persönlichen Bekehrungen. Diese Chance gelte es zu nutzen; für diese Pilger sei eine geordnete seelsorgerische Betreuung notwendig, hoben die örtliche Kirchenleitung und der Vatikan bereits in Leitlinien von 1991 hervor.

Allerdings verblieb Medjugorje kirchlich in einer gewissen Grauzone. Es stritten sich begeisterte Anhänger der Seher - die Franziskaner des dortigen Zentrums und zunehmend auch charismatische Gruppen - und Skeptiker, die keine übernatürlichen Phänomene anerkennen wollen. Trotz des Interdikts treten organisierte kirchliche Pilgergruppen, auch aus dem Ausland, die Wallfahrt an.

Bereits 2010 hatte Papst Benedikt XVI. die Glaubenskongregation mit einer Untersuchung beauftragt. Eine Kommission unter dem früheren römischen Patriarchalvikar Kardinal Camillo Ruini prüfte vier Jahre lang und legte dann ihre Ergebnisse und Empfehlungen vor. Aber Papst Franziskus zögerte bislang mit einer Entscheidung.

Bei einer Frühmesse im Juni 2015 äußerte er sich kritisch zu angeblichen Privatoffenbarungen. Die Gottesmutter Maria sei keine Botin, die an bestimmte "Seher" zu bestimmten Tageszeiten himmlische Botschaften übermittle. "Das letzte Wort Gottes heißt 'Jesus' und nichts darüber hinaus", so Franziskus. Nähere Angaben machte er nicht, aber Beobachter bezogen die Einlassung auf die angeblichen Marienerscheinungen im herzegowinischen Medjugorje. Auch bei einem Tagesbesuch wenige Tage zuvor in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo hatte der Papst zur Enttäuschung mancher Anhänger den Namen des Wallfahrtsorts nicht in den Mund genommen. 

Das Mandat für Hoser, das die bisherigen Untersuchungen komplettieren soll, sei bis zum kommenden Sommer begrenzt, heißt es in der Vatikanerklärung vom Samstag. Der Erzbischof sei und bleibe Oberhirte des mehr als eine Million Katholiken zählenden Bistums Warschau-Praga - des östlich der Weichsel gelegenen Stadtteils der Hauptstadt. Offensichtlich drängt Franziskus auf eine rasche Entscheidung.

(12.02.2017, KAP)