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Nahost-Experte warnt vor massivem Exodus der Palästina-Christen

Wenn die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Israel und Palästina in ihrer derzeitigen Form anhält, dann könnte die einheimische palästinensische Christenheit bis 2040 so gut wie ausgestorben sein. Diese Sicht vertritt zumindest der deutsche Nahost-Experte und Autor Johannes Zang.

Er erlebe bei den Christen vor Ort immer mehr Resignation, Mut- und Perspektivenlosigkeit, so Zang im "Kathpress"-Interview. Immer mehr würden in der Auswanderung die einzige Perspektive für ein Leben in Würde sehen. Der Hauptgrund sei die politische Situation, gefolgt von der hohen Arbeitslosigkeit und dem zunehmenden islamistischen Fundamentalismus unter der muslimischen Mehrheit Palästinas.

Zang äußerte sich gegenüber "Kathpress" anlässlich des Erscheinens seines neuen Buches "Begegnung mit Christen im Heiligen Land". Er untermauerte seine Prognose auch mit Zahlen. So seien in den vergangenen Jahren in den palästinensischen Gebieten 61 Prozent der armenisch-orthodoxen Gläubigen, 50 Prozent der syrisch-orthodoxen, 32 Prozent der griechisch-orthodoxen, 28 Prozent der römisch-katholischen, 15 Prozent der griechisch-katholischen und 8 Prozent der protestantischen Gläubigen auswanderten. Dramatisch sei beispielsweise auch die Situation in Bethlehem, wo einst die Mehrheit der Bevölkerung christlich war. Inzwischen seien es höchstens noch 20 Prozent.

Die Mehrheit der weltweit auf ca. 500.000 geschätzten palästinensischen Christen lebt längst in Europa, Nord- und Südamerika sowie in den Golfstaaten. Nur etwa 170.000 arabischsprachige Christen leben noch in ihrer angestammten Heimat; 120.000 in Israel, 50.000 im Westjordanland samt Ost-Jerusalem und ca. 1.000 im Gaza-Streifen.

Auch die arabischen Christen in Israel hätten mit Diskriminierung, Hürden und Schwierigkeiten zu kämpfen, so Zang. So würden sie bei der Vergabe von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen oder der Kreditvergabe benachteiligt, selbiges gelte für den Wohnungsmarkt. Familienzusammenführungen mit Angehörigen aus dem Westjordanland oder Gaza seien unmöglich. Dazu komme, dass auch in Israel, vor allem im Großraum Jerusalem, der jüdische Fundamentalismus bzw. Extremismus gegen Christen zunehme.

Es sei ihm überhaupt nicht klar, so Zang, "weshalb Israel nicht bewusst ist, dass es sich mit dieser Politik ein klassisches Eigentor schießt", denn die Christen seien in der Regel gut ausgebildet und friedliebend. "Also genau diese Leute bräuchte man für einen demokratischen palästinensischen Staat", so Zang.

Freilich musste der Nahost-Experte zugleich einräumen, dass ein solcher Palästinenserstaat immer unwahrscheinlicher werde. Das Westjordanland sei durch die jüdischen Siedlungen, weitere Außenposten und militärische Sperrgebiete bereits so klein bzw. zerstückelt, dass das unter palästinensischer Hoheit stehende Gebiet einfach nicht lebensfähig wäre. Zang sprach von einem "vollkommen durchlöcherten Schweizer Käse".

Viele seiner christlichen Gesprächspartner in Palästina und Israel seien vom Westen, der Politik wie der Kirche, enttäuscht, berichtete der Nahost-Experte. "Wir haben genug von all den Lippenbekenntnissen", sei eine oft gehörte Bemerkung. Der Westen müsse viel mehr Druck ausüben, um Israel zu einem Umdenken zu bewegen.

"Combatants for Peace"

Man dürfe allerdings die Hoffnung nicht aufgeben, so Zang weiter gegenüber "Kathpress". Er verwies als positives Beispiel auf die Bewegung "Combatants for Peace", in der sich Israelis und Palästinenser gemeinsam in gewaltloser Form für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts einsetzen. Viele Mitglieder sind ehemalige Soldaten der israelischen Streitkräfte bzw. palästinensischer Milizen. Und er treffe auch immer wieder auf palästinensische Christen, die sich trotz aller Schwierigkeiten nicht unterkriegen ließen.

Zang will mit seinem neuen Buch den Christen im Heiligen Land eine Stimme geben. Er informiert über die vielen teilweise wenig bekannten Kirchen und christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land (ca. 50) und gibt zudem einen schonungslosen Einblick in die Geschichte und aktuelle Situation der Christen vor Ort. Er ermutigt dazu, die verbliebenen Christen zu besuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, gemeinsam Gottesdienst zu feiern und sich auch über ihre vielen Sozial- und Bildungsinitiativen zu informieren. Dazu gibt es eine riesige Fülle von (Insider-)Tipps, Adressen und Kontaktpersonen.

Das Buch bleibt freilich nicht nur auf die Christen beschränkt, auch Begegnungsmöglichkeiten mit Drusen, Juden und Muslimen werden eröffnet. Nur so kann laut Zang auch die interreligiöse Realität des Heiligen Landes entsprechend abgebildet werden.

Auf die Zusammenarbeit der christlichen Kirchen angesprochen, meinte Zang im "Kathpress"-Interview, dass die täglich gelebte Ökumene gut funktioniere. Es gebe so gut wie keine christliche Familie, die nicht aufgrund von Heiraten aus Angehörigen unterschiedlicher Konfessionen besteht. Auch auf offizieller Ebene sei das Verhältnis in den vergangenen Jahren besser geworden, so Zang unter Berufung auf Kircheninsider.

(29.06.2017, KAP)