Fronleichnamsprozession
Sommerlager Jungschar
Lange Nacht der Kirchen in Waidhofen an der Ybbs
 
 

Kirchenvertreter in Kairo: Muslime verstanden Gesten des Papstes

Beim Besuch von Papst Franziskus in Kairo haben die ägyptischen Medien zum ersten Mal wirkliches Interesse für die christliche Religion gezeigt: Diese Einschätzung hat der Combonianer-Pater Paul Anis, der in Kairo ein Studienzentrum für interreligiösen Dialog leitet und die Papstvisite aus der Nähe verfolgt hat, im Gespräch mit "Radio Vatikan" geäußert.

Die TV-Direktübertragung der Papstmesse aus dem Luftwaffenstadion am Samstag habe für die Medien eine starke Wirkung gehabt, einen "Wow-Effekt", sagte P. Anis. Auch wenn die Gebete auf Latein gewesen seien, so hätten die Ägypter zugehört, dank der Übersetzung den Sinn verstanden und sich "nicht ausgeschlossen" gefühlt.

"Der menschliche und brüderliche Auftritt des Papstes hat ein Bild geprägt, das anders ist als das, was man normalerweise sieht", so der ägyptische Ordensmann. Franziskus habe auch mit einer ungewöhnlichen Geste das übliche Schema einer interreligiösen Begegnung durchbrochen: "Der Großimam hat sich nicht erwartet, dass der Papst ihn brüderlich umarmen und 'Bruder' nennen würde." Für Muslime sei es normalerweise undenkbar, einen Andersgläubigen Bruder zu nennen.

Großes Interesse ortete P. Anis aber nicht nur an den Gesten, sondern auch an den Worten des Papstes. Was der Papst sagte, sei sehr dicht gewesen. "Sowohl Muslime als auch Christen haben wahrgenommen, dass da Aufrichtigkeit war, aber auch eine Dringlichkeit der Botschaft, die nicht nur Ägypten betrifft. Ägypten hat eine internationale Verantwortung, besonders für den Nahen Osten. Das ist sehr stark herausgekommen. Ich denke, einige sind in Sorge vor dieser Herausforderung." Der Papst wecke in den Ägyptern das Bewusstsein für ihre Wirklichkeit und appelliere dazu, nicht bloß die kleinen Konflikte im Blick zu haben.

Papst schuf "Brücke" der Menschenwürde

Positiver Einfluss des Papstbesuches sei nach der Einschätzung von P. Anis auch für die Beziehungen zwischen Präsident Abd-el-Fattah al-Sisi und der Al-Azhar-Universität zu erwarten. Zuletzt war es hier zu Spannungen gekommen, u.a. weil der Präsident sich deutlich über problematische religiöse Predigten geäußert hatte. Auf einer politischen Ebene sei "Übereinstimmung" in den Worten von al-Sisi und Großimam Ahmed al-Tayyeb herauszuhören gewesen, als diese sich vor dem Papst äußerten. Zum ersten Mal habe sich der Großimam über die Würde der Person und über Gerechtigkeit im Zusammenhang mit der Menschenwürde gesprochen, auf die sich zuvor auch der Papst bezogen habe. Der Begriff sei dabei zu einer "Brücke" geworden. "Auf dieser Basis kann man weitergehen, statt einander zu widersprechen."

Es sei zu hoffen, dass die religiösen Führungspersönlichkeiten in Ägypten gemeinsam die Verantwortung der Religionen erkennen, extremistische Tendenzen zu entlarven "und das wahre Gesicht Gottes zu zeigen", so der Ordensgeistliche weiter. Entscheidend sei, was Papst Franziskus bei der Begegnung mit den Vertretern von Politik und Gesellschaft gesagt habe. Dass er dabei festgestellt habe, dass es Gott nicht nötig habe, von den Menschen beschützt zu werden, und vielmehr er es sei, der die Menschen beschütze, habe viele Muslime "sehr berührt". Während sich bisher die Beziehung zwischen Staat und Religion auf die Frage nach dem "Schutz der islamischen Religion" konzentriert habe, fragten sich viele Ägypter jetzt nach dem Schutz für die Christen. Viele Fragen seien aufgebrochen.

Jesuit Samir: Muslime sehen Christen als "Brüder"

Diese Einschätzung teilt auch der Jesuit und Islamwissenschaftler P. Samir Khalil Samir. "Die Muslime fühlen sich vereint mit den Christen in dieser Prüfung durch die Attentate", so der ägyptische Jesuit im Gespräch mit "Radio Vatikan": "Viele Muslime sind uns beigestanden und sagen heute: ihr seid unsere Brüder. Das ist auch ein Resultat dieser Reise nach Ägypten."

Für den Dialog zwischen Christen und Muslimen auf institutioneller Ebene sei die interreligiöse Konferenz ausschlaggebend gewesen. Es sei darum gegangen, dass der Papst sein Vertrauen in Al-Azhar und den Großimam al-Tayyeb zum Ausdruck gebracht habe, so P. Samir.

Schroedel: Texte erfordern intensives Studium

Davon, dass die Ägyptenreise noch lange nachwirken wird, ist auch Joachim Schroedel, Pfarrer der deutschsprachigen Markusgemeinde in Kairo, überzeugt. Im Gespräch mit "Radio Vatikan" sagte er: "Die Texte, die uns der Heilige Vater hinterlassen hat, müssen noch intensiv studiert werden. Er hat uns mit seinen Ansprachen an den Staatspräsidenten, an den Großimam al-Tayyeb und an Patriarch Tawadros II. große Geschenke gemacht. Das waren Meilensteine, die nicht genug analysiert und gelobt werden können!"

Natürlich habe Franziskus auch wieder sprechende Gesten vollzogen, etwa seine Umarmung mit dem Großimam Ahmed al-Tayyeb. Von der Substanz her sei diese Brüderlichkeit, von der schon das Schreiben "Ecclesia in Medio Oriente" Benedikts XVI. von 2012 spreche, allerdings "nichts Neues": "Aber was er dem Großscheich und auch dem Präsidenten ins Stammbuch geschrieben hat, ist sehr lesenswert und sehr wichtig."

Franziskus habe vor allem erklärt, wie er sich Dialog vorstelle - und dass dazu auch "die Aufrichtigkeit der Absichten" gehöre: "Und wenn er dann natürlich sagt: Wir sind Weggefährten, wir müssen aufrichtig sein und ohne Hintergedanken einen Dialog führen, dann zielt das sehr genau auf das, was derzeit gerade von al-Azhar, die ja nicht gerade die progressivste Theologie vertritt, wahrgenommen werden muss."

Vor allem habe der Papst in Ägypten durch sein eigenes bescheidenes Auftreten überzeugt. "Die Demut, wie er sich mit einem Golfwagen hat durch die Gegend fahren lassen - das sind gewaltige Zeichen für die Ägypter. Sie sehen gerade in diesem Papst einen dem Volk nahen und zugewandten Menschen - ganz anders, als ihre Präsidenten und manchmal auch ihre Religionsführer sich gebärden."

Die ägyptischen Medien haben, so berichtete auch Pfarrer Schroedel, intensiv über die Visite aus Rom berichtet, vor allem das Fernsehen: "Sehr, sehr viele haben die Übertragungen gesehen, die wirklich umfassend waren. Es wurde praktisch alles übertragen, was der Papst gemacht hat - in den englischsprachigen, aber natürlich auch in den arabischsprachigen Programmen."

Die Menschen seien beeindruckt gewesen von der Freundlichkeit des Papstes - etwa, dass er immer wieder "al-salamu alaikum" gesagt habe, was eigentlich "ein Gruß der Muslime" sei. Schroedel: "Deswegen mussten wir etwas lächeln, als er bei uns Priestern und Ordensleuten war - da hat er auch 'al-salamu alaikum' gesagt, und alle haben brav geantwortet. Aber das ist normalerweise nicht der Gruß zwischen Christen. Nun gut, wir haben uns gefreut, dass er zeigt: Ich bin bei euch."

Entschieden widersprach Schroedel der Kritik, der Papst habe sich vor den Karren von Präsident al-Sisi spannen lassen. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall. "Er hat zum Beispiel gleich am Anfang die drei Schlagworte der Revolution vom 25. Jänner 2011 erwähnt, nämlich Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Das war wahrscheinlich genau die Äußerung, die al-Sisi nicht hören wollte." Später habe der Papst dann auch an unveräußerliche Menschenrechte, Gleichheit aller Bürger, Religions- und Meinungsfreiheit, sowie die Rolle der Frau erinnert.

(02.05.2017, KAP)