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Caritas-Sozialprojekte: Armut auf allen Ebenen entgegenwirken

Lerncafé (Foto: Caritas)

St. Pölten, 31.10.2017 (KAP/dsp) Um Armut in Österreich wirksam zu bekämpfen, braucht es außer einer umsichtigen Sozialpolitik auch vielfältige Hilfen, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Betroffene eingehen, sie selbst zu den Hauptakteuren machen und dabei möglichst früh ansetzen: Das hat eine Journalistenreise der Caritas zu drei Beispielprojekten der Hilfsorganisation in Krems und St. Pölten veranschaulicht. Anlass dazu gab das Anlaufen der sogenannten "Inlandskampagne", mit der die Caritas verstärkt auf die Not vor der eigenen Haustüre hinweist und um Unterstützung für die eigenen Projekte bittet.

Erste Station war der Caritas-Sozialmarkt SOMA in Krems an der Donau. Das vor zehn Jahren gegründete Geschäft direkt beim Bahnhof trägt wie zahlreiche andere Sozialmärkte dazu bei, die angespannte finanzielle Lage für Menschen mit geringem oder keinem Einkommen - darunter Mindestpensionisten, Arbeitslose, Alleinerzieher oder Migranten - zu entschärfen. Zum symbolischen Preis von einem Drittel des Normalpreises werden Waren angeboten, die von Handelsketten aufgrund von Überproduktion, Transportbeschädigungen oder nahendem Ablaufdatum gespendet werden, was nach dem Motto "Verteilen statt Vernichten" auch zur Verringerung der Müllberge beiträgt.

Zum Einkauf im SOMA berechtigt sind Menschen, deren Monatseinkommen nachweislich 950 Euro nicht übersteigt. Ein speziell entwickelter Einkaufspass ermöglicht wöchentlich drei Einkäufe in streng limitierten Haushaltsmengen, um Unterhandel auszuschließen. Als Maßnahme gegen soziale Isolation bietet der SOMA seinen Kunden zudem auch ein integriertes Cafe mit Mehlspeisen und Mittagsmenüs. Zusätzlich trägt die Einrichtung jedoch auch zur Wiedereingliederung von arbeitslosen Jugendlichen bei. Die Anstellungen erfolgen über eine Kooperation mit dem AMS und haben die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt zum Ziel - was österreichweit bei 400 Jugendlichen pro Jahr glückt.

Der Bedarf nach Einrichtungen wie dem SOMA ist groß. "Manche unserer Kunden sagen: Ohne euch gäbe es mich nicht", berichtete die Leiterin Gertrude Ulrich. Zugleich gibt es jedoch auch eine Hemmschwelle für Menschen, den Laden trotz dessen Vorteile und der einladenden Gestaltung aufzusuchen: "Allein in Krems wären 3.000 Menschen zum Einkauf bei uns berechtigt. In den zehn Jahren unserer Tätigkeit haben wir jedoch erst 2.000 Einkaufspässe ausgestellt. Viele genieren sich davor, sich selbst durch den Einkauf als arm zu deklarieren." Um die Attraktivität zu steigern, wolle man in Zukunft auf Angebote wie gesunde Jause oder Essen auf Rädern setzen und das Angebot noch besser bekanntmachen.

Geschützter Raum für den guten Start

Ein Angebot für alleinstehende junge Mütter in Wohnungsnot ist das Mutter-Kind-Haus in St. Pölten, einer von zehn derartigen Caritas-Einrichtungen in Österreich. Neun Frauen und zwölf Kinder zwischen 0 und 7 Jahren finden hier derzeit in kleinen Wohneinheiten eine Unterkunft für eine Zeit von bis zu einem Jahr, betreut von Familienhelferinnen und Sozialarbeiterinnen. Ziel sei ein "guter Start ins Leben junger Mütter und ihrer Kinder", erklärte Petra Fischer, die Leiterin des Hauses. Dazu finden die Frauen hier Unterstützung in Schwangerschaft und Geburt, bei der Klärung familiärer Verhältnisse, bei der Schuldenbewältigung und Behördengängen wie auch bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und einer Wohnung.

Oft sei die drohende Obdachlosigkeit für die Frauen im Mutter-Kind-Haus nur die vordergründige Not, erklärte Fischer. Die geschützte Atmosphäre erlaube es, auch dahinterliegende Probleme wie zurückliegende Gewalterfahrungen oder familiäre Konflikte in Ruhe, mit fachlicher Hilfe sowie auch durch die soziale Unterstützung anzugehen und zugleich auch die Beziehung zum eigenen Kind zu fördern. Gerade der Austausch und die Gemeinschaft mit den anderen Mitbewohnerinnen erlebe sie als "extrem aufbauend", berichtete die 23-jährige Viktoria, die mit ihrer im Frühjahr geborenen Tochter seit sechs Monaten im Mutter-Kind-Haus lebt. Ihr momentanes Ziel sei es, für die Kaution einer neuen Wohnung zu sparen und den Schritt zu einem selbständigen Leben zu schaffen, sagte die junge Frau, die zuvor als Verwaltungs- und Kindergartenassistentin tätig war.

Die Frauen im Mutter-Kind-Haus leisten einen Kostenbeitrag, der sich nach dem jeweiligen Einkommen - die meisten beziehen Mindestsicherung - richtet. Am Ende der maximal zwölf Monate  soll eine Nachfolgewohnung gefunden sein, was nicht nur wegen des Mangels an leistbarem Wohnraum eine große Herausforderung darstellt: "Ohne fixen Wohnsitz gibt es keine Arbeit. Ohne Arbeit bekommt man keine Wohnung", wie die Hausleiterin Fischer verdeutlichte. Zur Entschärfung bietet die Caritas als Übergang zwei Startwohnungen an.

Ein Café für bessere Noten

Wie sehr Hilfen im Bildungsbereich für Kinder aus sozial benachteiligten Familien nötig sind, verdeutlicht der Boom an Caritas-Lerncafés, die seit 2010 österreichweit entstanden sind. Eines davon besteht im St. Pöltner Pflegeheim St. Elisabeth. 24 Kinder in zwei Altersgruppen - fast alle mit Migrationshintergrund - erhalten hier kostenlos Unterstützung bei der Hausübung, beim Deutschlernen und bei der Vorbereitung für Schularbeiten und Prüfungen sowie sinnvolle Freizeitgestaltung. "Die Schulnoten der Kinder verbessern sich dank dieser Hilfe merklich", berichtete Lisa Gutscher, die als angestellte Leiterin gemeinsam mit einer Kollegin und einem Pool von Freiwilligen an vier Nachmittagen pro Woche die Arbeit im Lerncafé koordiniert.

Zu den Lerncafé-Besuchern gehört etwa Abu aus Syrien, der zehn Geschwister hat und zuhause kaum die nötige Ruhe für die Erledigung der Hausübung findet. Seine Klassenkollegin Amina aus Tschetschenien schätzt die "netten Betreuerinnen", die schwere Dinge leicht verständlich machen und mit zusätzlichen Übungen dazu beigetragen haben, dass die Mathematik ihren Schrecken verloren hat. "Ich hab in der dritten Klasse eine Zweier geschafft", strahlt die Zehnjährige, für die das Lerncafé am Montag und Dienstag schon seit zwei Jahren ein Fixpunkt nach der Schule ist. Auf dem Programm steht hier ein gemeinsames Mittagessen, kurze Zeit zum Spielen und Austoben, dann von 14 bis 16 Uhr Lerneinheiten, dazwischen eine "gesunde Jause" und oft auch Basteln, Feiern oder Ausflüge.

Insgesamt 1.530 Kinder zwischen 6 und 15 Jahren werden derzeit in einem der 52 Caritas-Lerncafés betreut. Die vom Integrationsministerium und von Firmen gestützte Initiative sei das "Best-Practise-Modell" der Caritas im Bereich Integration, sagte Karin Abram, Leiterin der Caritas-Stabsstelle "Innovation und Projekte": Mit wenig finanziellem Aufwand und hoher Einbindung von freiwilligen Mitarbeitern werde hier viel bewegt. Für die Kinder sei die zusätzliche Unterstützung eine "Weichenstellung" mit Auswirkungen über das Schulische hinaus:  "Wir sehen, dass die Kinder über die Zeit ein gutes Selbstbewusstsein und Lust am Lernen entwickeln. So etwas nimmt man über die gesamte Biografie mit, bis ins Berufsleben."

Wie die meisten anderen der Caritas-Projekte, ist allerdings auch das Lerncafé mit seinen 700 auf der Warteliste befindlichen Kindern indirekt ein Hinweis auf eine soziale Lücke in der Gesellschaft: Weiterhin brauche es Formen der Reduktion von Bildungsbenachteiligung sowie der Verbesserung von Chancengleichheit. Auf lange Sicht seien flächendeckende politische Lösung nötig, betonte die Sozialexpertin Abram - wie etwa mehr Mittel für sogenannte "Brennpunktschulen", mehr Qualität an den Ganztagsschulen und die Sicherstellung von Ressourcen für die optimale Inklusion von behinderten Kindern.