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Bischof Küng: Sehnsucht nach Kircheneinheit ist groß

Bischof DDr. Klaus Küng und Superintendent Mag. Lars Müller-Marienburg

St. Pölten, 31.10.2017 (dsp) Am 31. Oktober jährte sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen von Martin Luther. Für „Kirche bunt“ verfassten zu diesem Anlass Bischof Klaus Küng und der NÖ Superintendent Lars Müller-Marienburg einen Beitrag.

Bischof DDr. Klaus Küng: Die Geschichte der Kirche, der Chris­tenheit, der Menschheit spiegelt uns das nie wirklich ergründbare Geheimnis Gottes und des Menschen wider. Dazu gehört auch die schmerzliche Realität der Spaltungen. Sie sind entstanden, obwohl Jesus am Vorabend des Leidens gebetet hat: „Alle sollen eins sein: wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Daher sind die 500 Jahre seit der Reformation für uns nicht so sehr ein Anlass zum Feiern, sondern vielmehr zur Besinnung. Auch Sehnsucht und Hoffnung verbinden sich mit diesem Gedenken.

Die auslösenden Faktoren für die Kirchenspaltung sind – aus meiner Sicht – zunächst tragische Ereignisse: die Verweltlichung der Kirche und die damit verbundenen Missstände. Übersehen darf man auch nicht das große menschliche Leid, das als Folge der blutigen Auseinandersetzungen weite Teile Europas betroffen hat. Längerfristig hat aber die Reformation in nicht wenigen Belangen auch innerhalb der Katholischen Kirche teils direkt, teils indirekt viel zur Erneuerung beigetragen: Das Wort Gottes wurde stärker ins Zentrum der Verkündigung gerückt und in Beziehung zum Leben der Gläubigen gebracht. Das liturgische Liedgut hat eine immense Bereicherung erfahren. Vor allem aber war die Reformation Anstoß zu einem allmählich tiefer greifenden Vorgang geistlicher Erneuerung durch Volksmissionen und Exerzitien sowie zur gründlicheren Vorbereitung auf das Priestertum. Nicht zu vergessen sind auch die stärker gewordenen karitativen Einrichtungen zur Überwindung materieller und physischer Nöte.

Im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts ist nach und nach eine atmosphärische Veränderung in der Beziehung zwischen Katholiken und Protestanten eingetreten, hervorgerufen durch die leidvollen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, in dem katholische und evangelische Seelsorger Ähnliches erlitten und oftmals zu einer tiefen Freundschaft zueinander gefunden haben. Das trug zur Entstehung der ökumenischen Bewegung bei, die durch das II. Vatikanische Konzil bekräftigt worden ist. Sie hat bereits viele Früchte gebracht. So konnte nach einem langen, geduldigen Dialog durch Vertreter des Lutherischen Weltbundes und der römisch-katholischen Kirche am 31. Oktober 1999 in Augsburg die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet werden. Das war ein wichtiger Schritt.

Noch immer bleiben zahlreiche wesentliche Fragen offen, wie das Verständnis des Priestertums, der Sakramente und der Kirche. Aber die Sehnsucht nach Einheit ist groß. Wir haben Grund zu Dankbarkeit und Freude. Heute spielt die gemeinsame Erfahrung der rasch fortschreitenden Säkularisierung eine große Rolle. Wir spüren alle die Dringlichkeit aufeinander zuzugehen, auch für eine größere Wirksamkeit. Schon jetzt ist es angebracht, in allen Fragen, in denen es möglich ist, mit einer Stimme zu sprechen. Wir können voneinander lernen. Schon jetzt gibt es weltweit nicht wenige fruchtbare ökumenische Initiativen. Daher haben wir beim Gedenken der Reformation auch Gründe zu Freude und Dankbarkeit, und auch neue Hoffnung.  

Superintendent Mag. Lars Müller-Marienburg: Wenn wir in diesem Jahr das 500. Reformationsjubiläum feiern, laufen wir Evangelischen immer Gefahr zu betonen, woGEGEN die Reformatoren ihre Stimme erhoben haben. Auch wenn es durchaus einiges gab, wogegen sie zu Recht (in manchen Fällen womöglich auch zu Unrecht) aufbegehrt haben, kann es für uns fünf Jahrhunderte später nicht genügen, einer Konfession anzugehören, die sich nur durch den Protest gegen etwas anderes definiert. Denn erstens ist die Rolle einer Opposition aus Prinzip unerfreulich, unsympathisch und humorlos. Und zweitens ist es gefährlich, nur gegen etwas zu sein. Denn auf diese Weise verliert man die Existenzberechtigung, wenn einmal alle Missstände abgestellt sind, die man angeprangert hat. (Oder noch schlimmer: Man möchte insgeheim, dass die Missstände bestehen bleiben, damit es einen weiterhin geben kann.)

Natürlich gibt es unzählige Dinge, woFÜR die Reformatoren vor 500 Jahren und wir Evangelischen von heute sind. Ganze Bibliotheken voller Bücher der evangelischen Theologie und des evangelischen Glaubenslebens wurden geschrieben, die ja zum allergrößten Teil von dem handeln, wofür wir sind. Aber wenn wir schnell gefragt werden, worum es bei der Reformation ging, reden wir meist nicht von den komplizierten Gedankengängen des evangelischen Glaubens, sondern wir sagen doch immer wieder: Es ging damals gegen Papst und Kaiser.

Ich habe mir angewöhnt, eine andere Zusammenfassung der Reformation und des evangelischen Glaubens zu nennen. Sie lautet: Wir sind für Gott und für die Menschen. Das hört sich etwas banal an und ist ehrlich gesagt nicht ursprünglich evangelisch, sondern stammt aus dem Mund von Jesus selbst (Mt 22,37-40).

Evangelisch ist für mich aber der Umgang damit. Es geht darum, kritisch andere zu befragen: Geht es bei dem, was ihr tut und wie ihr es tut, um Gott und um die Menschen und ihr Wohl? Das haben die Reformatoren getan – und wir tun es bis heute, wenn wir uns in die Diskussionen der Ökumene und der Öffentlichkeit einbringen. Evangelisch ist aber noch viel mehr, dass wir uns selbst kritisch hinterfragen. Denn wie jede Organisation sind auch die evangelischen Kirchen nicht davor gefeit, sich doch wieder um sich selbst, um das eigene Ansehen, um finanzielle Interessen, um die Macht als Organisation oder um die Macht einzelner Personen zu kümmern.

Evangelisch ist, dass wir uns selbst an unseren Ansprüchen messen und messen lassen – und uns immer wieder fragen: Ist das, was wir tun und sagen, gut für Gott und die Menschen? Deshalb entscheiden wir manches neu und in anderen Fällen verändern wir auch einmal getroffene Entscheidungen, wenn wir erkennen, wie es eigentlich ginge, wenn wir Gott und die Menschen in den Mittelpunkt stellen.