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Vor 75 Jahren predigte St. Pöltner Bischof Memelauer gegen NS-Euthanasie

St. Pölten, 31.12.2016 (dsp) "Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben": Das ist die Kernaussage in der mutigen Silvesterpredigt des damaligen St. Pöltner Bischofs Michael Memelauer vom 31. Dezember 1941, in der er als einziger Bischof in der damaligen "Ostmark" unmissverständlich und öffentlich die "Euthanasie"-Politik des NS-Regimes verurteilte. Das Diözesanarchiv St. Pölten verwahrt den Predigttext, der einer breiten Öffentlichkeit bisher weitgehend unbekannt war. 75 Jahre nach Memelauers Fanal gibt das Archiv dieses außergewöhnliche zeitgeschichtliche Dokument jetzt gemeinsam mit dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) in Form einer Broschüre heraus.

Das DÖW erinnerte daran, dass Michael Memelauer (1874-1961, Bischof von St. Pölten von 1927 bis 1961) "der NS-Diktatur von Anfang an misstrauisch gegenüber" gestanden sei. Bereits im Zuge der Volksabstimmung zur nachträglichen Legitimierung des "Anschlusses" Österreichs an Hitlerdeutschland habe er ein deutliches Zeichen gegen das Regime gesetzt: Am 21. März 1938 druckte das St. Pöltner Diözesanblatt jenen Aufruf ab, in dem die österreichischen Bischöfe für ein "Ja" bei der Abstimmung vom 10. April warben, ließ jedoch die Einleitungsworte "aus innerster Überzeugung und mit freiem Willen" weg. Der Aufruf musste daraufhin am 29. März noch einmal abgedruckt werden.

Auch nach dem "Anschluss" äußerte der St. Pöltner Bischof - wie das DÖW hinwies - immer wieder Kritik an nationalsozialistischen Gesetze, Verordnungen und Maßnahmen. Besonders deutliche Worte fand Memelauer in der Silvesterpredigt des Jahres 1941 gegen die nationalsozialistischen Massentötungen von kranken und behinderten Menschen, die auch im "Reichsgau Niederdonau" (das heutige Niederösterreich und das Nordburgenland) Hunderte Opfer forderten.

Angestoßen wurde der Bischofsprotest auch durch ein Dekret der Päpstlichen Kongregation für die Glaubenslehre vom Dezember 1940: Es verpflichtete die Bischöfe, die Katholiken über das Verbot zu informieren, an der "Euthanasie" mitzuwirken. Als Reaktion darauf nahmen auch einige deutsche Bischöfe öffentlich Stellung, u.a. der Bischof von Münster, August von Galen, im August 1941, nach dessen Predigten das NS-Regime ihre zentral gelenkte Massenmordaktion abbrach, auf dezentraler Ebene jedoch fortsetzte.

In der "Ostmark" blieb Bischof Memelauers Silvesterpredigt im Dom zu St. Pölten "in der österreichischen Kirchengeschichte einmalig", würdigte das DÖW. Zwar hatte es auch hierzulande Bemühungen des Episkopats gegeben, gegen die in verschiedenen Etappen und Aktionen durchgeführte Vernichtung "lebensunwerten Lebens" Stellung zu nehmen, doch waren entsprechende Protestschreiben und Hirtenbriefe "von einer kompromissbereiten Haltung" gekennzeichnet. Memelauer rage hier durch seinen Mut heraus, erklärte das DÖW: Kein anderer Bischof habe mit solcher Eindeutigkeit die Euthanasie öffentlich verurteilt - und das zu einem Zeitpunkt, als die NS-Machthaber die Öffentlichkeit glauben machen wollten, die Euthanasie sei bereits eingestellt worden.

Fünftes Gebot nicht aufhebbar

"Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben", heißt es in Memelauers Predigttext. Und weiter: "Es ist und bleibt ein Eingriff in die hl. Gottesrechte und eine Verletzung der natürlichen Menschenrechte, einem Menschenleben gewaltsam ein Ende zu machen. ... Darum haben wir Bischöfe gegen die Tendenzen unserer Zeit an höchster Stelle Protest erhoben und werden niemals schweigen zur Beseitigung unwerten und unproduktiven Lebens und werden es immer als das bezeichnen, als was es bei allen Kulturvölkern angesehen wird."

Das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten" bezeichnete Memelauer als "das gewaltige, die Menschheit auf der ganzen Welt schützende Gottesgesetz"; "und dieses Gesetz soll für deutsche Menschen nicht mehr gelten, wenn sie nach Ansicht eigener Volksgenossen als unproduktiv und lebensunwert bezeichnet werden?" 

Die Broschüre "Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben", die das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und das Diözesanarchiv St. Pölten 75 Jahre nach diesen bemerkenswerten Worten herausgeben, enthält neben einer Einführung in den Themenkomplex der nationalsozialistischen Krankenmorde einen vollständigen Abdruck dieses historischen Dokuments. Damit werde werde die zeitgeschichtliche Bedeutung von Memelauers Predigt vor Augen geführt, heißt es in der Ankündigung. Öffentlich präsentiert wird die Publikation voraussichtlich am Freitag, 20. Jänner, in St. Pölten. 

(Bestellungen der Broschüre zum Preis von 5 Euro beim Diözesanarchiv St. Pölten, Klostergasse 10, 3100 St. Pölten, )

Foto: St. Pöltner Diözesanarchiv