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Anschlag in Kairo: Leidensgeschichte der Kopten

In der Seitenkirche Butrosia an der koptischen Patriarchenkathedrale zum heiligen Markus in Kairo standen am Sonntagvormittag Männer, Frauen und Kinder eben zum Empfang der Kommunion bereit, als durch das Seitenfenster zum Ramses-Boulevard eine Bombe geworfen wurde. Mit verheerenden Folgen: Die jüngsten Angaben sprechen von 27 Toten und 65 Verletzten.

Patriarch Tawadros II., der sonst dort die Sonntagspredigt zu halten pflegt, entging dem Anschlag: Er hielt sich zu Besuch bei der orthodoxen Kirche von Griechenland auf. Sofort flog er von Athen zurück und leitete am Montag die Trauerfeierlichkeiten. Wie er in seiner Predigt betonte, handelt es sich um die schlimmste christenfeindliche Bluttat in Ägypten seit Menschengedenken. Nicht einmal beim Aufstand der Muslimbrüder im Winter 1951/52 und dann wieder 2012/13 während ihrer Herrschaft am Nil im Gefolge des Arabischen Frühlings hatte es einen so brutalen und folgenschweren Anschlag gegeben. Zuvor, unter Mubaraks Herrschaft, waren durch eine Bombe von Terroristen, die diese am 1. Jänner 2011 in die Qidissine-Kirche in Alexandria warfen, 23 Menschen in den Tod gerissen worden.

Der Patriarch erklärte die Toten der Butrosia zu Märtyrern, wie er das schon 2015 bei den in Libyen von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ermordeten Kopten getan hatte. Die ägyptischen Behörden mit Präsident Abdel Fattah al-Sisi an der Spitze haben sofort ihr Beileid ausgesprochen und ihren Abscheu bekundet. Doch liegt auf der Hand, dass sie den neuen IS-Terror am Nil noch längst nicht so im Griff haben, wie ihnen das mit den Stadtguerilleros der Muslimbrüder nach deren Sturz im Sommer 2013 gelungen war. Das Warnsignal der Ermordung von zwei entführten koptischen Priestern am Sinai durch den IS im Herbst wurde ebenso zu wenig beachtet.

Vorausgegangen waren über 40 Jahre gewaltsame Ausschreitungen militanter Muslime und Schikanen einer politislamisch ausgerichteten Obrigkeit. Dabei schien Ägypten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Musterland für gutes Zusammenleben einer Muslimmehrheit mit ihrer christlichen Minderheit zu sein: Die mehrheitlich koptischen Christen beteiligten sich am Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft, waren in der nationalistischen Wafd-Partei führend vertreten, saßen im Parlament, stellten Minister und einige Male sogar ägyptische Ministerpräsidenten.

Erste Ausschreitungen - angezündete Kirchen, gekreuzigte Christen - gab es erst im Winter 1951/52, als die Muslimbrüder die Macht zu ergreifen suchten. Der Militärputsch von Gamal Abdel Nasser (1918-70) kam ihnen zuvor. Unter seiner fast 20-jährigen Herrschaft wurden der politische Islam entmachtet und die einheimischen orthodoxen Christen gefördert. Protestanten und Katholiken sahen sich hingegen als Kollaborateure des Kolonialismus verdächtigt und dementsprechend schlecht behandelt. Es kam zu Enteignungen und Gemeinde-Auflösungen.

Die Kopten spielten in Nassers "arabischem Sozialismus" so wie die Christen überall in der arabischen Linken - in Syrien, Libanon, Irak - eine wichtige Rolle. Nassers Chefideologe Kamal Ramzi Stino etwa war orthodoxer Kopte. 1968 wurde die neue koptische Kathedrale in Kairo geweiht, die alle umliegenden Moscheen überragt: einmalig in der islamischen Welt. Sie ist seitdem radikalen Muslimen ein Dorn im Auge.

Aber selbst unter Präsident Muhammad Mursi von den Muslimbrüdern vor vier Jahren war es nur zu drohenden Demonstrationen vor der Kathedrale und ihrer Seitenkirche Butrosia gekommen. Dort befindet sich auch die Familiengruft der koptischen Politikerfamilie Butros Ghali. Ihr letzter Spross war der UN-Generalsekretär von Butros Butros Ghali (1992-96). Nach seinem Tod im vergangenen Februar wurde auch er in der Butrosia beigesetzt.

Auf Nasser folgte Anwar as-Sadat (1970-81), der als Friedensstifter mit Israel in aller Welt noch immer einen guten Ruf hat. Zu wenig ist über ihn jedoch als Feind der ägyptischen Christen bekannt: Er machte in der neuen Verfassung von 1972 das islamische Religionsgesetz Scharia wieder zur staatlichen Rechtsquelle, befreite die Muslimbrüder aus den Gefängnissen und löste eine Gewaltwelle gegen Ägyptens Christen aus.

Im Dezember 1972 wurde im Norden Kairos die Kirche von Chanka als erste einer nun folgenden Reihe von christlichen Gotteshäusern angezündet. Diese Entwicklung setzte sich unter Präsident Hosni Mubarak (1981-2011) und auch während der Revolution des "Arabischen Frühlings" fort. Der Terror gegen die Christen erreichte unter der Herrschaft der Muslimbrüder einen, wie es damals schien, unüberbietbaren Höhepunkt.

Auch das folgende, von den Kopten ausdrücklich unterstützte Militärregime von General al-Sisi brauchte ein gutes Jahr, um antichristliche Terrorakte aus dem Untergrund der entmachteten Muslimbrüder abzustellen. Der Schein jedoch war trügerisch: Außerhalb der großen Städte Kairo oder Alexandria ging der Islamistenterror vor allem in Oberägypten weiter - unter neuer Führung und Radikalisierung durch den IS. Jetzt hat - vermutlich - dieser auch im Herzen der Hauptstadt und der koptischen Kirche so blutig zugeschlagen.

(13.12.2016, KAP/KNA)