Sommerkampagne 2016
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Kirchenvertreter betonen bei Ökumenischem Studientag Bedeutung des Bibellesens

Foto: Vertreter der christlichen Kirchen erinnerten an den im August verstorbenen NÖ-Superintendenten Paul Weiland und zeigen ihre bereits liebevoll gehaltenen und viel gelesenen persönlichen Bibel-Exemplare.

St. Pölten, 09.11.2015 (dsp) Vertreter der katholischen, der orthodoxen und der protestantischen Kirchen gedachten bei einem Ökumenischen Studientag in St. Pölten des im August verstorbenen niederösterreichischen evangelischen Superintendenten Paul Weiland. Der evangelische Geistliche war noch stark in die Vorbereitung der Veranstaltung „Kirchen, Christen und die Bibel“ involviert. Organisator Axel Isenbart von der Katholischen Aktion der Diözese St. Pölten berichtet: „Ihm war die Heilige Schrift ein großes Anliegen. Er wollte, dass die Menschen die Bibel lesen statt als Prachtband ungelesen verstauben zu lassen.“ Bei allen Unterschieden der Kirchen in den Details, aber die Bibel sei das Fundament aller und sei ein echtes „Lebensbuch“.

Isenbart verwies weiters darauf, dass sich in der Diözese St. Pölten derzeit viele im Rahmen der diözesanen Initiative „Bibel.bewegt“ mit der Heiligen Schrift beschäftigen würden.

Katholik Schwarz: Neuer Ansatz durch Papst Franziskus

Der katholische Theologe und Leiter des Österreichischen Katholischen Bibelwerkes, Msgr. Wolfgang Schwarz, erinnerte daran, dass am 18. November 1965 – also vor 50 Jahren – der Konzilstext Dei Verbum über die Offentbarum mit überwältigender Zustimmung beim Zweiten Vatikanischen Konzil angenommen wurde. Diese Schrift habe große Auswirkungen gehabt: etwa Deutsch als Liturgiesprache, bauliche Maßnahmen – der Tisch des Brotes sowie der Tisch des Wortes – und dass der Zugang zur Bibel für alle weit offen stehen solle. Das heißt, sie solle gelesen werden. Zudem solle sich jede kirchliche Verkündigung von der Heiligen Schrift nähren, so die Dogmatische Konstitution Dei Verbum. Das Dokument habe auch Auswirkungen auf den jüdisch-christlichen Dialog oder für die Bibelwissenschaft gehabt.

Schwarz sagte, die Bibel als solche sei vielfach auch für Nichtchristen motivierend gewesen. Bedeutung erlangten etwa Zitate wie „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ LK, 1,52.

Mit Papst Franziskus sei auch ein neuer Blick auf die Bibel gekommen. Er sei geprägt von seiner Herkunft Südamerika und frage zuerst: „Wie geht es den Menschen? Worunter leiden sie? Was brauchen sie?“ Die Frage nach der Option für die Armen sei immer zu stellen. Früher sei der Ansatz oft anders gewesen, so Schwarz: Nach einer kirchlichen Behauptung sei ein Bibel-Zitat hintangestellt worden. Heute wäre laut Schwarz eine wesentliche Frage: Leben die Pfarren, die kirchlichen Institutionen und die Christen noch biblisch?

Evangelische Henner: Bibel-Mitte ist Jesus

Die evangelische Theologin Jutta Henner von der Österreichischen Bibelgesellschaft erinnerte in ihrem Vortrag an das Reformationsjubiläum 2017. Vor 500 Jahren soll Martin Luther seine berühmten 95 Thesen angeschlagen haben. Die Reformation sei eine Bildungsbewegung geworden, weil nach der Erfindung des Buchdruckes viele die Bibel lesen können wollten. Durch die Reformatoren – aber auch schon zuvor – wurde die Heilige Schrift ins Deutsche übersetzt und weit verbreitet. Diese Beschäftigung mit dem biblischen Urtext sei den Protestanten auch heute noch ein dringliches Anliegen. Dabei gebe es Herausforderungen: Evangelische Christen würden vielfach zwischen einem Biblizisimus auf der einen Seite stehen und auf der anderen Seite gebe es Bibel-Vergessenheit und ein Infragestellen des Inhaltes. Bei allen Auslegungsmethoden sei eines zu beachten: Alles erschließe sich von der Mitte Jesus Christus, Maßstab sei der erlösende Gott. Zentral ist für Henner, die Bibel zu lesen.

Orthodoxer Moga: Tradition und Schrift gehören zusammen

Ioan Moga, Theologe und Pfarrer in der rumänisch-orthodoxen Kirche, legte das Bibelverständnis der orthodoxen Kirche dar. So gehören die Schrift und die Väter untrennbar zusammen, eine Trennung Schrift und Tradition sei abzulehnen. Mit den Kirchenvätern seien allerdings nicht nur die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte gemeint, sondern alle geistlichen Menschen bis in die Gegenwart. Als einen herausragenden Geistlichen Vater nannte er Serafim von Sarov, der vor 100 Jahren gelebt hat. Im Grunde gehe es um eine spirituelle Auslegung der Bibeltexte, die auf die existentiellen Fragen der Zeit eine Antwort finden müsse. Nicht die Bindung an eine Methode sei zentral, sondern Sinnstiftung.

Baptist Heinrich: Ganze Gemeinde legt Bibel aus

Lars Heinrich von den Baptisten stellte aus freikirchlicher Sicht dar, dass die Bibelauslegung in seiner Glaubensgemeinschaft nicht Privileg der Theologen sei, sondern der ganzen Gemeinde und solle dort gelesen werden. Im Zentrum stehe das Miteinander und das gemeinsame Arbeiten an der Bibel, das bewahre vor einer indivdualistischen Schriftauslegung. Auch Heinrich betont, dass die Bibel gelesen werden solle, der Heilige Geist gebe dazu die Anleitung. Der Glaube hänge an Jesus, nicht an der Kirchenleitung oder am Baptismus. Die Bibel sei aus baptistischer Sicht Wort Gottes in Menschenmund, durch die Heilige Schrift rede Gott. Neues und Altes Testament seien Quellen des Glaubens. Der Baptisten-Vertreter sagt: „Mangelnde Bibelkenntnis führt zum Substanzverlust bei Christen.“ Eine wichtige geistliche Erfahrung sei die Begeisterung für das Bibellesen, jede Generation müsse dazu neu gewonnen werden.

Veranstaltet wurde der Ökumenische Studientag vom Ökumenischen Arbeitskreis NÖ-West, dem Katholischen AkademikerInnenverband der Diözese St. Pölten, dem Bildungshaus St. Hippolyt und dem Institut Fortbildung Religion der KPH Wien/Krems.

Foto: Vertreter der christlichen Kirchen erinnerten an den im August verstorbenen NÖ-Superintendenten Paul Weiland und zeigen ihre bereits liebevoll gehaltenen und viel gelesenen persönlichen Bibel-Exemplare.