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"Nacht der 1000 Lichter" am 31. Oktober - Gänsehautstimmung statt Halloween-Grusel am Vorabend von Allerheiligen
 
 

Morgengedanken als Nachlese

Bischofsvikar Dr. Gerhard Reitzinger

St. Pölten, 10.12.2014 (dsp) Bischofsvikar Gerhard Reitzinger hat von 30. November bis 6. Dezember die Morgengedanken auf Radio Niederösterreich gestaltet. Hier gibt es nun alle Texte als Nachlese.

Sonntag 30. November 2014

Heute beginnt der Advent. Bei niemandem geht diese Zeit spurlos vorüber. Die einen suchen die Unterhaltung und Ablenkung. Die anderen suchen die Stille und die Spuren der Sehnsucht. Der Advent will uns auf das Weihnachtsfest vorbereiten – und bietet viele Möglichkeiten. Das Schwierigste dabei ist – für Kinder wie für Erwachsene – zu warten! Es ist letztlich nicht unsere Leistung, die gefordert ist, sondern dass wir warten können – ja dass wir oft im Leben warten müssen.
Eine jiddische Geschichte berichtet von einem Mann, der ständig gelaufen ist: Von zuhause zur Arbeit. Von der Arbeit zum Einkaufen. Vom Einkaufen zu den Freunden. Von den Freunden zum Sport. Vom Sport zur Familie. - Jeden Tag!
Eines Tages wurde der Mann gefragt: „Warum läufst du unentwegt? Bist du auf der Flucht? Hat dir jemand was getan?“ Darauf der Mann: „Aber nein! Ich lauf dem Glück hinterher!“ „Und was ist,“ so wurde er gefragt „was ist, wenn das Glück hinter dir ist? Dann läufst du ihm ständig davon! Vielleicht musst du nur stehenbleiben, innehalten und warten, bis das Glück nachkommt!“
Der Adventkranz und viele Zeichen wollen uns beim Warten helfen. Wir können den Advent nicht machen. Wir müssen ihm nicht nach laufen. - Wer es erwarten kann, der ist dem Glück – der Menschwerdung – schon ganz nahe.

Montag 1. Dezember 2014

Es ist immer dieselbe Geschichte, mit der ich den Advent beginne. Sie stammt aus Afrika – etwas fremd und gerade deshalb für mich wichtig. In der Geschichte heißt es:
Mama Bracia führte mich auf ihre eigene, afrikanische Art in das Geheimnis des Advents und von Weihnachten ein. ine Frau wollte ihre Tücher waschen. Also band sie ihr Kind in ein Tragetuch auf den Rücken, nahm ihre Tücher und ging zum Fluss. Dort setzte sie ihr Kind ins Gras, breitete ihre Wäsche aus, tauchte jedes Stück einzeln in den Fluss, klopfte es und schlug es kräftig auf einem Stein. lötzlich hörte sie einen Schrei! Das Kind war zum Fluss gekrabbelt und von der Strömung fort getragen worden. a nahm die Frau ihr Tragetuch und ging nach Hause. Abends sagte sie zu ihrem Mann: „Unser Kind ist vom Fluss fort getragen worden, aber ich bin nicht traurig. Denn ich habe ja noch das Tragetuch!“ Und Mama Bracia setzte nach einer kurzen Pause fort: o eine dumme Frau - denken wir. Und dabei machen es viele Christen genauso. Sie freuen sich an Nebensächlichkeiten und merken gar nicht, dass sie Jesus schon längst verloren haben.
Ja, auch ich freue mich oft an Nebensächlichkeiten und merke gar nicht, dass ich Jesus aus den Augen verloren habe. Freuen wir uns an den schönen Dingen, aber bleiben wir nicht beim leeren Tragetuch hängen!

Dienstag 2. Dezember 2014

Im Advent erwarten wir viel – auf jeden Fall mehr Achtsamkeit für die anderen und für uns selbst. Die Erwartungen sind groß – geradezu un-erfüllbar, wenn ich auf die Sehnsüchte der Menschen achte. Und im Alltag, in der Geschäftigkeit und in der Hektik scheint alles ganz anders zu kommen, als ich es mir vorgestellt habe. Ja, ich habe große Erwartungen – und die lasse ich mir auch nicht so schnell nehmen. Aber ich möchte klein und einfach beginnen mit dem, was ich tatsächlich tun kann.
Im Adventkalender von Paul Weismantel – einem Seelsorger und geistlichem Begleiter für viele Menschen - lese ich zum heutigen Tag: Heute schenke ich einem Menschen ein Zeichen meiner Zuneigung. Und er setzt mit den Wünschen fort, die sich auch in unserem Leben erfüllen mögen:

Heute möge dir ein Lichtblick / des Himmels so tief in die
Abgründe deines Herzens / fallen, dass es darin heller,
freundlicher und wärmer werde.
Heute möge dir der Augenblick / eines einzigen freundlichen
Lächeln so gut tun in der Seele, / dass ihr dadurch neue Flügel wachsen,
die dir weite Spannkraft verleihen.
Heute möge dir ein Fingerzeig / des liebenden Gottes so tief unter
die Haut gehen, dass er dich sprachlos / macht und du noch lange von seiner
Wirkung zehren und leben kannst.

Das wünsche ich von Herzen für den heutigen Tag. Das erwarte ich heute vom Advent.

Mittwoch 3. Dezember 2014

Ein einziges Wort kann heilen und dich aufrichten – oder aber alte Wunden aufreißen und verletzen. Ein einziges Wort kann in mir die Sehnsucht und die Freude wecken – oder mir den ganzen Tag verderben. Nein, es braucht nicht viel – weder zum Guten, noch zum Schlechten. Der Advent lädt mich ein, die Stille zu suchen, damit das gute Wort beim mir ankommen kann – damit es mich aufrichtet und heilt. Zugleich bin ich im Advent mehr denn je eingeladen, das gute Wort auszusprechen, worauf andere warten.
Vielleicht ist das der Grund, warum die katholische Kirche heute an den heiligen Franz Xaver denkt. Er lebte im 16. Jahrhundert. Er gehörte als einer der Ersten zum Jesuitenorden – so wie der jetzige Papst, Franziskus. Und Franz Xaver wirkte als Missionar, das heißt er verkündete die Frohbotschaft bis ans Ende der Welt – er kam mit der guten Botschaft bis nach Japan und China.
Der Advent braucht nicht viele Worte – oft genügt ein einziges Wort, das heilt und aufrichtet, das dem Leben Sinn und Richtung gibt. Manchmal kommt das Wort aus der Stille, manchmal lese ich es in der Bibel. Und manchmal wartet jemand, dass ich es ihm sage: Du! Ich mag dich. Ich brauch dich. Gut, dass es dich gibt. Wie schön, dass du da bist.

Donnerstag 4. Dezember 2014

Am Barbaratag – dem 4. Dezember – ist es Brauch, einen winterharten Kirsch- oder Forsythienzweig abzuschneiden und über Nacht in lauwarmes Wasser zu legen. Anderntags in Wasser gestellt, wird er dann um Weihnachten blühen. Die Blüten im Winter sind Zeichen der Hoffnung, Zeichen für Leben – selbst wenn alles dagegen spricht.
Die heilige Barbara lebte im 4. Jahrhundert – in Nikomedien, in der heutigen Türkei. Ihr Name bedeutet soviel wie „die Ausländerin“. Barbara zählt zu den 14 Nothelfern und gilt als Patronin der Bergleute, Architekten und Sterbenden.
Der Barbaratag erinnert mich: Auch ich kann zum Zeichen der Hoffnung werden – für die Menschen in meiner Umgebung. Wo alles dagegen spricht, ja wo es eigentlich niemand mehr erwartet, kann ich zum Zeichen neuen Lebens werden: Ich besuche die Nachbarin, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen kann – und ich bringe ihr einen Kirschzweig. Ich schenke meinem Arbeitskollegen einen gütigen, wohlwollenden Blick, auch wenn ich ihn nicht ausstehen kann. Ich gebe der Ausländerin mein Gehör und lege auch noch ein paar Euro dazu – obwohl ich sonst nie etwas gebe.
Nicht alle Kirsch- und Forsythienzweige werden blühen. Aber ich werde es wieder versuchen. Das Zeichen der Hoffnung ist mir wichtig – und viele Menschen warten darauf: Dass die Barbarazweige blühen – und jemand daran glaubt, obwohl alles dagegen spricht.

Freitag 5. Dezember 2014

Ich sehe was, was du nicht siehst! So heißt ein Kinderspiel, das auch uns Erwachsenen immer wieder gut tut – nicht nur im Advent. Zugegeben: Für das Radio taugt das Spiel nicht, aber im Alltag kann es uns die Augen öffnen. Ich sehe was, was du nicht siehst – es ist kein Kinderspiel, sondern Auftrag für einen achtsamen Umgang miteinander.
In der Jahreszeit, wo es immer dunkler wird, sehnen wir uns nach Licht. Wir zünden eine Kerze an, damit wir mehr sehen, damit wir mehr wahrnehmen von den Wünschen und Sehnsüchten der Menschen. Der Advent ermutigt uns, jene wahrzunehmen, die sonst keiner wahr haben will.
Ich will heute den Tag beginnen und eine Kerze entzünden. Und mit den Worten von Paul Weismantel – einem Seelsorger und geistlichen Begleiter für viele Menschen – will ich auf jene hinweisen, die ich im Alltag viel zu oft übersehe:

Ein Licht will ich anzünden / für die vielen, die im Schatten
stehen, die nur noch schwarz / sehen, und keinen Funken
Freude mehr verspüren.
Ein Licht will ich anzünden / für die vielen, die ganz vom
Nebel der Trauer umfangen / farbenblind geworden sind
und keinen Trost finden.
Ein Licht will ich anzünden / für die vielen, die in diesem Jahr
den Advent als eine besonders schwere / Zeit erleben, weil sie einsam,
krank / oder in großer persönlicher Sorge sind.

Der Advent lehrt mich „hinzusehen“, wo viele gern wegschauen.

Samstag 6. Dezember 2014

6. Dezember – Tag des Heiligen Nikolaus. Im Lexikon lese ich: Nikolaus lebte im 4. Jahrhundert in der heutigen Türkei. Er war Bischof von Myra. Ein Kranz von Legenden überdeckt seinen Lebensweg. Nikolaus ist Patron der Rechtsanwälte, Richter, und Bierbrauer; der Jungfrauen, Notare und Wirte; Patron der Parfümeriehändler, der Reisenden und der Weinhändler und von all den anderen, die gerne gut sein möchten.
Petrus Ceelen - ein langjähriger Seelsorger für Gefangene, Aidskranke und Drogenabhängige - fragt in einem Adventkalender:

Glaubst du / noch an den Nikolaus?
Und er antwortet darauf:
Ja, ich glaube immer noch / an das Gute im anderen.
Meine Tochter ist besser / als ich denke.
Mein mürrischer Mann / hat viele gute Seiten.
Mein komischer Kollege / ist eigentlich ganz nett.
Meine schwierige Nachbarin / hat ein gutes Herz.
Und auch die „bösen Buben“ / im Knast sind besser als ihr Ruf.
Unsere Kinder wissen das; / sie sehen das Gute im Menschen.

Heute will ich nur das Gute im anderen sehen – bei allen Menschen, die mir begegnen werden. Heute traue ich nicht dem schlechten Gerede. Heute will ich ein gutes Wort für alle einlegen – denn heute ist Nikolaustag.