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Interview Tagespost: Debatte um die Homo-„Ehe“ in Frankreich

1) Die Zustimmung für die Homo-„Ehe“ oder zumindest eine kirchliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften wächst in Kirchenkreisen. Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen?

Die Meinung, eine homosexuelle Orientierung sei „angeboren“, etwas, das bei einem bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung vorkommt, hat sich auch unter Katholiken verbreitet. Als Folge davon entsteht die Vorstellung, was eine Art Schöpfungsvariante darstellt, also gewissermaßen von Gott kommt, kann nicht schlecht sein.

Eine Rolle spielt auch die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft alle möglichen Familienkonstellationen und Arten des Zusammenlebens verbreitet sind. Das drängt die Frage auf: Warum nicht auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften? Ist nicht auch bei Ihnen die Stabilität einer Beziehung ein wichtiges, anzustrebendes Gut?

Ein anderer Aspekt ist eine weitverbreitete verkürzte Sicht von Sexualität, die den Bezug zur Fortpflanzung dem eigenen Belieben unterwirft und daher weitgehend oder ganz in der Ausübung ausklammert.

2) Das II. Vatikanische Konzil hatte einen Wandel des Eheverständnisses zur Folge: Kinder sind nicht mehr der Hauptzweck der Ehe, im Mittelpunkt steht die Liebes- und Lebensgemeinschaft der Partner. Damit argumentieren katholische Befürworter der Homo-„Ehe“: Wenn zwei Partner lebenslange Treue und Rücksicht auf das Gattenwohl anstreben, erfüllten sie die Voraussetzungen für eine kirchlich anerkannte Lebensgemeinschaft. Trifft diese Einschätzung zu?

Das II. Vatikanische Konzil hat aus guten Gründen darauf verzichtet, von Haupt- und Nebenzwecken oder von Primär- und Sekundärzwecken der Ehe zu sprechen. Es hat auch mit gutem Grund zum Ausdruck gebracht, dass „die Akte, durch die die Eheleute eins werden, „gut und recht“ sind. Denn „sie bringen, wenn sie menschenwürdig vollzogen werden, die gegenseitige Hingabe zum Ausdruck und dienen ihr“ (GS 49). Das Konzil hat aber auch gleichzeitig erklärt: „Ehe und eheliche Liebe sind ihrer Eigenart nach auf die Erzeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Die Kinder sind fürwahr das vorzüglichste Geschenk der Ehe und tragen zum Wohl der Eltern sehr viel bei…“ (GS 50). Hinzugefügt wird außerdem die Ermahnung: „In ihrem ganzen Verhalten seien sich die christlichen Eheleute bewusst, dass sie nicht nach ihrer Willkür vorgehen dürfen, sondern dass sie sich bestimmen lassen müssen durch ein Gewissen, das sich am göttlichen Gesetz ausrichten muss, hörend auf das Lehramt der Kirche, das dieses göttliche Gesetz im Licht des Evangeliums authentisch auslegt.“ (GS 50).

Papst Paul VI. hat dann in der Enzyklika "Humanae Vitae" diese Aussagen konkretisiert, indem er klargestellt hat, dass die beiden Wesensaspekte der geschlechtlichen Vereinigung zwischen Mann und Frau – Ausdruck der Hingabe und Bezug zur Fortpflanzung – nicht willkürlich voneinander getrennt werden dürfen, und Papst Johannes Paul II. hat diese Aussagen im apostolischen Schreiben „Familiaris Consortio“ bestätigt.

Wahr ist, dass viele Katholiken diese Aussagen nicht akzeptiert haben. In letzter Konsequenz ergibt sich aus der Nichtannahme nicht nur ein verkürztes Verständnis von Sexualität, sondern auch eine Entstellung dessen, was Ehe ist. Aber schon das II. Vatikanum hat eindeutig gelehrt, dass die Gemeinschaft des Ehelebens und der ehelichen Liebe vom Schöpfer begründet ist und nicht menschlicher Willkür unterliegt. Wörtlich sagt das Konzil: „Gott selbst ist Urheber der Ehe, die mit verschiedenen Gütern und Zielen ausgestattet ist; sie alle sind von größter Bedeutung für das Weiterleben des Menschengeschlechtes, für den persönlichen Fortschritt der einzelnen Familienmitglieder und ihr ewiges Heil …“ (GS 48).

3) Welche Wesenselemente der Ehe sollte die Kirche in gesellschaftspolitischen Debatten stärker hervorheben?

Die Kirche muss in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unermüdlich zum Ausdruck bringen, dass die Ehe nicht der Willkür des Menschen unterliegt, sondern in seinem Wesen verwurzelt ist. Ehe ist auf die Hingabe von einem Mann und einer Frau ausgerichtet, schließt die Offenheit für Kinder ein und trägt die Merkmale der Einheit und Unauflöslichkeit. Diese Eigenschaften der Ehe schützen die Würde der Person, sind grundlegend für die Entwicklung der Kinder, aber auch für das Wachsen und Reifen einer dauerhaften und tiefer werdenden Liebe zueinander.

4) Ist eine katholische Ehe heute eine Provokation? Im Grunde genommen ist in der heutigen Gesellschaft bei nicht wenigen eine pessimistische Grundstimmung verbreitet, weil so häufig das Zerbrechen von Familien und das Scheitern von Beziehungen erlebt werden. Die Familie auf der Grundlage einer dauerhaften Beziehung zwischen Mann und Frau entspricht aber trotzdem der Sehnsucht der meisten Menschen gerade auch der Jugend.

Es kann durchaus sein, dass die Verhältnisse in den nächsten Jahrzehnten noch verworrener werden als sie es jetzt sind. Die Sehnsucht nach Familie im besprochenen Sinn wird aber immer wieder hervorbrechen, weil es dem entspricht, was der Mensch im Herzen trägt. Und mit der Hilfe Gottes ist es möglich, auch in der heutigen Zeit den Weg zu einer dauerhaften, allmählich tiefer werdenden Liebe zu finden und zu entdecken, wie schön es ist, eine Familie mit mehreren Kindern zu haben. Darin liegt die Zukunft.