Erntekrone
Weinstöcke mit Trauben
Pilgergruppe im Herbst
 
 

Interview mit "kath.net"

kath.net: Ist die sogenannte "Pille danach" aus der Sicht der katholischen Kirche jetzt im Notfall erlaubt oder nicht?

Bischof Klaus Küng: Sie ist nicht erlaubt.
Bezüglich „Pille danach“ ist zu bedenken: Zum einen gibt es „Mifegyne“, eine Abtreibungspille, die nichts anderes bewirkt als die Einleitung einer rasch und sicher erfolgenden Abbruchblutung. Bei bestehender Schwangerschaft bedeutet dies ein „Schwangerschaftsabbruch“ durch die Verabreichung eines bestimmten Hormons in hoher Dosis. Wer diese Pille „zur Sicherheit“ (für den Fall, dass es zu einer Schwangerschaft gekommen sein sollte) anwendet, begeht jedenfalls der Intention nach eine Abtreibung, die nach kirchlichem Verständnis nie erlaubt sein kann.

Es gibt aber auch die sogenannte „Pille danach“, wirksam bis zu 72 Stunden danach: Es handelt sich um ein antiovulatorisch wirkendes Präparat, das das Heranreifen der Eizelle und den Follikelsprung (Freiwerden einer Eizelle) unterdrückt. Sofern der Geschlechtsverkehr vor dem Follikelsprung stattgefunden hat, wirkt diese Pille antikonzeptiv. Wenn der Geschlechtsverkehr aber nach dem Follikelsprung war, wirkt sie nidationshemmend, also abtreibend. Statistisch betrachtet dürfte der nidationshemmende Effekt zumindest in 50 Prozent der Fälle (wenn nicht mehr) zum Tragen kommen. Daher ist die Ablehnung der „Pille danach“ aus moralischen Gründen richtig.

Ein anderer Aspekt ist für die Bewertung der Aussagen mancher Ärzte im Zusammenhang mit „Verhütung“ bedeutsam: Seit längerer Zeit beziehen sie den Begriff „Abtreibung“ ausschließlich auf die mechanische (oder hormonell bewirkte) Entfernung einer befruchteten Eizelle, die bereits in der Gebärmutter eingenistet ist. Mit gutem Grund ist darauf zu beharren, dass bei befruchteten Eizellen davon auszugehen ist, dass es sich um einen Menschen in den ersten Tagen seiner Existenz handelt (oder jedenfalls handeln kann). Das gilt also auch schon für die Stunden vor der Einnistung bzw. für jeden menschlichen Embryo.

In Kenntnis dieser Zusammenhänge sind die niedrigen Abtreibungszahlen der Niederlande und einiger anderer Länder mit Zurückhaltung zu beurteilen: Diese niedrigen Zahlen sind kein sicherer Hinweis dafür, dass in diesen Ländern der Lebensschutz besser gelebt wird als anderswo.

kath.net: Die Weltkirche feiert derzeit das “Jahr des Glaubens”. Die US-Bischöfe haben den Gläubigen dazu ganz konkret 10 Grundgebete und auch 10 Grundheilige vorgelegt. Trotz einiger Initiativen hat man das Gefühl, dass das Jahr des Glaubens in den deutsprachigen Ländern etwas stiefmütterlich behandelt wird. Oder täuscht hier der Eindruck? Anders gefragt: Was soll ein Jahr des Glaubens konkret bewirken?

Küng: Bei genauerem Hinsehen entdeckt man doch auch im deutschen Sprachraum nicht wenige Initiativen im Zusammenhang mit dem Jahr des Glaubens. In meiner Diözese haben wir z. B. eine katechetische Reihe über die zwölf Glaubensartikel. Diese Erwachsenenkatechesen sind recht gut besucht, sie sind inhaltlich solide und anregend. Es könnten freilich noch viel mehr kommen. Es gibt auch einige Jugendkatechesen. Ich hätte den Wunsch gehabt, es wären viel mehr. In der ganzen Diözese haben wir in der Fastenzeit Gesprächsabende über das Glaubensbekenntnis mit dem Ziel, dass die Erneuerung des Taufversprechens in der Osternacht möglichst bewusst geschieht. Mein Fastenhirtenbrief betont die Notwendigkeit der Umkehr. Bei den Priestern hatten wir bereits eine recht gute und gründliche Fortbildungstagung mit den wichtigsten Themenkreisen aus dem II. Vatikanischen Konzil. Daneben gibt es schon auch andere Vorträge über das Konzil, die nicht genau das sind, was ich mir erwartet hätte.

Ein Jahr des Glaubens ist sehr schnell vorüber. Was wir brauchen, ist eine tiefgreifende Neuevangelisierung. Das ist ein längerfristiges Vorhaben und salopp gesagt: Es ist nicht leicht, den kirchlichen Apparat in Bewegung zu setzen. Nicht wenige Verkünder sind müde und resigniert. Aber es ist so manches am Wachsen. Ich freue mich, dass YOUCAT sich stark verbreitet hat und auch das neue Firmbuch von YOUCAT viele Abnehmer findet. Das sind Zeichen, die Hoffnung geben.

kath.net: Anfang Januar wurden in Österreich die Kirchenaustrittszahlen veröffentlicht. Die österreichweite Austrittszahl bewegte sich mit 52.000 ziemlich genau im Bereich der Einwohnerzahl von St. Pölten. Noch viel dramatischer als die Austritte sind aber offensichtlich die Zahlen der Messbesucher. Von den 5,36 Millionen Katholiken besuchen nur zwischen 12-13 Prozent regelmäßig die Hl. Messe. Warum ist hier so ein Missverhältnis und wie wird man hier als katholische Kirche darauf reagieren?

Küng: Es ist ein dramatischer Vorgang in vielen Ländern Europas, der durch zahlreiche Faktoren bedingt ist. Man darf nicht übersehen, dass sich in den letzten 50, 60 Jahren die Lebensverhältnisse nicht nur in der Stadt, sondern auch am Land sehr stark verändert haben. Die große Beanspruchung der Menschen durch die Arbeit, die Einflüsse der Umwelt, der überall präsente Materialismus, nicht zuletzt auch die Lockerung der Sitten haben bei vielen zu einem Nachlassen in der Glaubenspraxis geführt. Ich beobachte das in meiner Diözese z. B. am Land: Die Großelterngeneration bzw. die Generation davor waren noch ganz mit der Scholle verbunden, zu einem sehr hohen Prozentsatz verlässliche Kirchgeher mit Pflege aller kirchlichen Bräuche. Deren Kinder nahmen es schon nicht mehr so genau. Die jetzige Elterngeneration (auch am Land) hat bereits eine veränderte Einstellung (manche gehen weiterhin jede Woche am Sonntag zur Kirche, andere vielleicht alle zwei Wochen, wieder andere einmal im Monat usw.), die Jugend fällt teilweise fast ganz aus. Es ist weit verbreitet, dass junge Paare zunächst zusammenziehen, ohne zu heiraten.

Die Situation in der Schule hat sich dementsprechend verändert, auch wenn oft insbesondere an den Volksschulen eine recht gute Atmosphäre besteht. Aber wenn z. B. nur 10% der Gläubigen regelmäßig den Gottesdienst besuchen, nur wenig praktizierende Gläubige sind, können nur zwei Kinder von 20 beim Schuleintritt ein Kreuzzeichen oder ein Vaterunser beten. Da wird es im Religionsunterricht schwierig. Aber auch in den Pfarren wird der Erstkommunion- und Erstbeichteunterricht von Jahr zu Jahr immer noch mehr zu einem Problem.

Das erklärt meines Erachtens recht gut die Lage. Wie können wir richtig darauf reagieren? Bis jetzt haben wir wohl nirgends eine Art „Rezept“ gefunden. Notwendig ist – ich wiederhole – eine echte Neuevangelisierung, die ganz besonders die Familie im Blick hat. Ein Ansatzpunkt sind die Kinder, die in das kirchliche Leben eingeführt werden. Es ist notwendig, die Eltern möglichst einzubeziehen.

Die Katechese für die Erwachsenen und für die Kinder muss neu entwickelt werden, sodass jene, die Sakramente empfangen, wissen, was sie empfangen. Es ist auch wichtig, auf die Voraussetzungen für einen fruchtbaren Empfang der Sakramente zu achten.

In einem gewissen Sinn müssen sich die christlichen Gemeinden wie von Neuem herauskristallisieren. Die Mitte sind Christus, sein Evangelium und die von ihm erwirkten Heilsgeheimnisse. Dort, wo der Glaube gelebt wird und die Gläubigen sich sammeln, werden sich die Freude und der Friede ausbreiten und andere anziehen.

Wahr ist, dass wir gewissermaßen eine neue Grundlage für die Seelsorge schaffen müssen. Anfänge, Keime sind schon zu erkennen, aber ich habe den Eindruck, dass ein weiter Weg noch vor uns liegt.

kath.net: Seit dem Advent besetzen Flüchtlinge die Wiener Votivkirche und wollen auf ihr schweres Schicksal aufmerksam machen. Wie soll man hier als Christ mit der Besetzung umgehen? Dies dauerhaft dulden? Irgendwann eine Räumung durchführen? Was würden Sie hier tun?

Küng: Das ist eine sehr schwierige, komplexe Frage, die ich persönlich auch nur aus den Medien kenne. Einerseits habe ich den Eindruck, dass es sich hier nicht um ein Kirchenasyl im eigentlichen Sinn handelt. Positiv ist jedenfalls derzeit, dass Kardinal Schönborn durch einen Besuch erreicht hat, dass sie wenigstens den Hungerstreik unterbrechen. Hoffentlich gelingt es bald, eine gute Lösung zu finden und auch die Kirche frei zu bekommen.

kath.net: Im Dezember gab es im St. Pöltner Dom Aufregung rund um illegale Dreharbeiten des ORF und einer Nachahmung der Kirchenschändung der Pussy-Riot-Gruppe. Von einer Anzeige haben Sie damals Abstand genommen, was vom BZÖ-Politiker Ewald Stadler kritisiert wurde. Warum eigentlich? Soll man sich als Katholik gegen solche oder ähnliche Angriffe zur Wehr setzen? Wenn JA, in welcher Form?

Küng: Das war in der Tat ein Schock. Diese Gruppe kam ganz plötzlich in der Mittagspause vermummt in den Dom. Es dauerte nur wenige Minuten. Der Mesner, der der einzige Zeuge war, versuchte den Dompfarrer zu verständigen. Bis er kam, waren sie schon wieder verschwunden. Wir wussten also nicht, um wen es sich handelte. Es wurde eine Anzeige gegen Unbekannte erstattet. 14 Tage später erhielt der Generalvikar einen Brief von der Firma, die für den ORF einen politischen Beitrag drehte. Wir wurden um rückwirkende Dreherlaubnis gebeten, die wir verweigert haben. Wir haben dann bei einer Krisenberatung überlegt, was zu tun ist, und kamen zum Schluss, dass wohl am wirksamsten ein Schreiben meinerseits an den Generalintendanten sei, das ja dann auch Wirkung gezeigt hat. Mir scheint auch jetzt, dass das der richtige Weg war. Damals hat uns unser Rechtsberater von einer Anzeige abgeraten, unter anderem, weil er es als sehr fraglich beurteilte, auf diese Weise zum Erfolg zu gelangen.

Wie man sich als Katholik gegen solche oder ähnliche Angriffe zur Wehr setzen kann, ist in der Tat eine schwierige Frage. Ich bin damit einverstanden, dass wir uns wehren müssen. Welches die geeigneten Mittel sind, muss in jeden Fall sehr genau überlegt werden. Vor einigen Jahren habe ich z. B. eine Anzeige wegen einer meines Erachtens das religiöse Empfinden eines Gläubigen sehr verletzenden Missbrauchs eines Muttergottesbildes Anzeige erstattet: Sie wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt und der Erfolg meiner Aktion war eher ein negativer, weil überall berichtet wurde: „Das Verfahren wurde eingestellt“.

kath.net: Das Thema “Homosexualität” ist ein kirchliches und eine gesellschaftlicher Dauerbrenner. Nicht wenige fragen sich, wie man als Katholik hier mit Menschen mit homosexueller Tendenz umgehen soll? Wie schaut eine gesunde und katholische “Homosexuellenpastoral “ zwischen den verschiedenen Extrempositionen aus?

Küng: Zunächst einmal bin ich ehrlich erschüttert von der aggressiven und verächtlichen Art, mit der manche (auch katholische) Gruppen und Internetseiten das Thema Homosexualität abhandeln. Das ist eines Katholiken nicht würdig.

Wir sollen homosexuell geneigten Menschen – das ist die Haltung der Kirche – mit Respekt begegnen und ihnen, wenn sie es wünschen, Hilfe anbieten. Die Österreichische Bischofskonferenz hat nun schon vor 11 Jahren eine Orientierungshilfefür die Pastoral in diesem Bereich herausgegeben.

Sie scheint mir weiterhin durchaus hilfreich. Sie ist von den Erfahrungen inspiriert, die in Amerika diesbezüglich gemacht wurden.

Leider sind diese Richtlinien nie wirklich von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen worden. Sie sind übrigens von der Glaubenskongregation approbiert. Unser Problem war und ist, wenig dafür ausgebildete Mitarbeiter zu haben, und es ist auch noch nicht gelungen, diese Hilfsangebote genügend bekannt zu machen. Es gibt aber hier und dort kleine Gruppen, teilweise ökumenisch ausgerichtet, die eine wertvolle Arbeit leisten. Ich kann die Richtlinien gerne zur Verfügung stellen.

kath.net: Dieses Jahr finden in Österreich verschiedene Wahlen (Nationalrat, Niederöst. Landtag) statt. Nach welchen Kriterien sollen Katholiken ihre Stimme abgeben bzw. welche politischen Themenbereiche sind für die Kirche besonders wichtig?

Küng: Die Antwort ist heutzutage nicht ganz einfach. Der Wähler ist genötigt, sich ein Urteil zu bilden, welche Partei am ehesten christliche Werte vertritt und ob diese Partei auch in der Lage ist, diese Werte durchzubringen. Die Konturen der politischen Parteien sind nicht so klar und sehr kleine Parteien, die gar nicht die Minimalgrenze erreichen, um Mandate zu erhalten, oder eine so geringe Anzahl von Mandaten hat, dass sie kaum etwas oder nichts bewegen können, haben kein Durchsetzungsvermögen, schwächen aber wieder andere Parteien, die vielleicht etwas mehr erreichen könnten.

Wichtige Fragen für die Urteilsbildung sind insbesondere die Einstellungen zu den Fragen des Lebensschutzes und der Familie, also bezüglich Menschenbild sowie alle gesellschaftspolitischen Fragestellungen.

kath.net: Herzlichen Dank für das Interview.