Sommerkampagne 2016
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Gebete zeigen, wie sehr Christentum im Judentum verwurzelt ist

St. Pölten, 17.01.13 (dsp) Am Vorabend des „Tages des Judentums“ veranstaltet der Katholische Akademikerverband gemeinsam mit zahlreichen Einrichtungen der Diözese St. Pölten einen Vortrags- und Gesprächsabend zum Thema „Jüdisches und christliches Beten“ im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten.
Als wichtigen Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog versteht P. Gottfried Glaßner, Professor für Altes Testament an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten, die Psalmen-Sammlung: „Man könnte von einem 'Schatz' sprechen, aus dem Generation von Juden und Christen Altes und Neues hervorgeholt haben und den es je neu zu heben gilt.“ Im Christentum gehörte der Psalter von Anfang an zu den wichtigsten kanonischen Texten, zunächst als Lesebuch im Gottesdienst, ab 200 n.Chr. als Lieder- und Gebetbuch für die gesamte Breite des christlichen Gottesdienstes. Der Benediktiner-Geistliche nennt „die Psalmen als der Juden und Christen gemeinsame Schule des Gebets“.

Jüdische Gebete prägen christliche Gottesdienste

Josef Pichler, Professor für Neues Testament in St. Pölten und an der Universität Graz, referierte zum Thema „Jüdische Gebete und jüdische Stimmen zum Gebet als Gebetshilfe für Christen“. Der Vortrag zeigte die jüdische Prägung von Gebeten, die im christlichen Gottesdienst verwendet werden, und brachte auch jüdische Stimmen zum Gebet zu Gehör, die im christlichen Bewusstsein wenig präsent sind. Dabei zeigte Pichler auf, „wie sehr jüdische und christliche Positionen bezüglich des Gebetes Hand in Hand gehen“. Pichler zitierte dabei den jüdischen Mystiker Abraham Heschel, der wichtige Vorarbeiten für die Konzils-Erklärung Nostra Aetate leistete: Heschel sehe das Beten als die „intensivste Bindung an Gott, die überhaupt möglich ist“. Gebet sei das Allerhöchste. „Haben wir Gott nicht im Blick, gleichen wir verstreuten Sprossen einer zerbrochenen Leiter. Beten heißt zur Leiter werden, auf der Gedanken zu Gott aufsteigen

Vater Unser in jüdischer Tradition gebetet

„Exemplarische Auslegungen des Vaterunser“ präsentierte schließlich Franz Moser, Theologe und pädagogischer Mitarbeiter im Hippolythaus. Das Vaterunser habe Jesus ganz in jüdischer Tradition stehend gebetet und der Kirche als beispielhaftes Gebet mitgegeben. Über die Jahrhunderte sei das Vater Unser das Gebet der Christinnen und Christen geworden und geblieben. Moser brachte dabei eine eindrucksvolle Zusammenfassung des katholischen NS-Märtyrers Franz Jägerstätter: „Überschauen wir noch einmal das Vater Unser, wir haben eigentlich nur zwei große und eine kleine Bitte: Hinein ins Gottesreich heraus aus dem Reich der Sünde; zwischen diesen zwei Hauptsorgen liegt das kleine Anliegen um das tägliche Brot. Beten wir also wieder recht andächtig das Vater Unser, es ist ein Mustergebet, dem kein zweites gleicht, denn in ihm ist alles enthalten, was wir Menschen brauchen um auf dieser Welt glücklich zu leben und auch einst ewig glückselig zu werden!“

Die Kirchen in Österreich feiern am 17. Jänner den „Tag des Judentums“. Das Christentum ist in seinem Selbstverständnis wesentlich mit dem Judentum verbunden; damit dies den Christen immer deutlicher bewusst wird, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) im Jahr 2000 den „17. Jänner – Tag des Judentums“ als Gedenktag im Kirchenjahr eingeführt. Am „Tag des Judentums“ sollen sich die Christen in besonderer Weise ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden und zugleich des von ihnen an jüdischen Menschen und ihrem Glauben begangenen Unrechts in der Geschichte gedenken.

Foto: Der „Tag des Judentums“ wurde von jüdischer Musik umrahmt. Im Bild die Referenten: P. Gottfried Glaßner, Axel Isenbart (Generalsekretär der Katholischen Aktion der Diözese St. Pölten), Franz Moser, Josef Pichler.