Erntekrone
Weinstöcke mit Trauben
Pilgergruppe im Herbst
 
 

Wir sind Byzanz

Geographisch lässt man Europa heute gerne am Ural mitten in Russland sowie am Bosporus in der Türkei enden. Genau dort befand sich zwischen 330 n. Chr. und 1453 das Zentrum des Byzantinischen Reiches – Konstantinopel, das heutige Istanbul. Hier regierten die byzantinischen Kaiser ein Imperium, das sich zeitweise von Italien bis Armenien, von der Donau bis nach Ägypten erstreckte. Wo sollen wir also nach den viel zitierten „Europäischen Werten“ suchen? Byzanz war ein wahrhaft europäisches Reich, das auch jene Regionen Nordafrikas umfasste, die sich heute im Umbruch befinden. Erst langsam kehrt das Bewusstsein für die historische Bedeutung des Byzantinischen Reiches zurück. Die Ausstellung „Das Goldene Byzanz & der Orient“ hilft uns mit einem Blick in die Geschichte, das heutige Europa besser zu verstehen und neu zu definieren. Das Renaissanceschloss Schallaburg schlägt mit dieser hochkarätigen Schau ein bedeutendes Kapitel europäischer Geschichte auf, das in den Schulbüchern noch kaum zu finden ist.

Das unbekannte Byzanz entdecken

Namensgeber für das Byzantinische Reich war die griechische Stadt Byzantion, die Konstantin der Große im Jahr 330 n. Chr. unter dem Namen Konstantinopel zur Residenzstadt erhob und die bis 1453 Reichshauptstadt bleiben sollte. Der erste Teil der Ausstellung lädt zur Entdeckung des unbekannten Byzanz ein: Kaisertum, Verwaltung, Religion, Militär, Landwirtschaft, Handwerk und Handel werden hier ansprechend dargestellt. Wussten Sie etwa, dass das heutige europäische Recht auf dem „Codex juris civilis“ von Kaiser Justinian I. aus dem 6. Jahrhundert basiert oder dass der Solidus, eine Goldmünze von 4,5 Gramm, elf Jahrhunderte lang anerkanntes Zahlungsmittel in Byzanz war? Beeindruckend sind auch die starke Verschriftlichung des „mittelalterlichen Römerreiches“ und die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten. „Das Goldene Byzanz & der Orient“ zeigt die bedeutende Rolle Konstantinopels zwischen der Bewahrung des antiken Erbes und seinen innovativen Leistungen.

Säulenheilige und handfeste Argumente

Aufgrund zahlreicher Reliquien war Konstantinopel von jeher eine bedeutende Pilgerstätte. Die Hagia Sophia neben dem Kaiserpalast ist beeindruckendes Zeugnis der christlichen Ausrichtung Konstantinopels. Dem heiligen Berg Athos, einer orthodoxen Mönchsrepublik, hat der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth erst kürzlich ein literarisches Denkmal gesetzt. Spannende Geschichten wie jene des Bauernsohnes Simeon, der um seiner Askese Willen viele Jahre seines Lebens auf einer 18 Meter hohen Säule verbrachte, belegen die tiefe Religiosität, die auch Triebfeder für künstlerische Spitzenleistungen war. In Byzanz wurden auch immer wieder wichtige kirchliche Weichenstellungen unternommen. Damit ist nicht nur das Konzil von Nikaia gemeint, auf dem der heilige Nikolaus im Rahmen eines theologischen Streites seinem Kontrahenten Arius eine Ohrfeige verpasst haben soll. Das „Goldene Byzanz“ war auch die Wiege des orthodoxen Christentums, das heute Ost- und Südosteuropas, zum Beispiel in Bulgarien, Griechenland, Russland, Serbien und der Ukraine verbreitet ist.

Byzanz inspiriert

Das Byzantinische Reich nahm auch eine bedeutende Vermittlerrolle zwischen Orient und Okzident ein. Diesem Thema widmet sich ein weiterer Teil der Ausstellung. Im Gegensatz zu Westeuropa wurde in Byzanz das antike römische und griechische Erbe lebendig gehalten und gelangte so vor allem ab dem 15. Jahrhundert wieder in den Westen. Byzanz war aber mehr als ein Archiv. Immer wieder reagierte es mit innovativen Lösungen auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeit, wobei es seine römisch-christlichen Wurzeln bis zur letzten Schlacht gegen die türkischen Osmanen 1453 nie vergaß. Auch die byzantinische Kunst befand sich in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation und inspirierte die westliche Architektur und Malerei, zuletzt im Wiener Jugendstil. Als Schlusspunkt der Ausstellung wird daher der kulturelle Einfluss des damaligen Weltreiches auf die Kunst des österreichischen Historismus dargestellt. Ein Modell der Otto-Wagner-Kirche am Steinhof legt ein beeindruckendes Zeugnis davon ab.

„Das Goldene Byzanz & der Orient“ beleuchtet nicht nur mit Prachtbauten, Luxusobjekten und Ikonenkunst das hohe kulturelle Niveau Konstantinopels, sondern gibt auch Einblicke in das Alltagsleben der ByzantinerInnen. Die dominierende Sprache war zwar Griechisch, aber das Reich setzte sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen zusammen. In den Provinzen sprach man je nach Reichsteil koptisch, armenisch, bulgarisch, serbisch oder syrisch. Aus diesen vielfältigen Formen des Zusammenlebens lässt sich viel Potential für eine Findung einer europäischen Identität schöpfen. Auch die Internationalität der LeihgeberInnen zeigt, dass es eigentlich kaum ein europäisches Land gibt, das von der Geschichte Byzanz‘ nicht berührt ist.

www.schallaburg.at