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„Synagoga und Ecclesia“: eine Geschichte der Verachtung

Auf eine Spurensuche nach jüdischen Motiven in christlichen Kirchen in Österreich begab sich Markus Himmelbauer, Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit beim „Tag des Judentums“ der Diözese St. Pölten im Bildungshaus St. Hippolyt. Besonders anhand der typologischen Gestalten „Synagoga und Ecclesia“ machte der Referent die durch Jahrhunderte verachtende Haltung des Christentums gegenüber dem Judentum sichtbar.
Die beiden Frauengestalten, der die ein oft verwendetes Motiv der Kirchenkunst waren, stehen für die Verachtung des Judentums in der Geschichte der christliche Theologie: Ecclesia, die Kirche, ist siegreich dargestellt – mit einer Krone am Haupt, einer wehenden Fahne in der Hand, mit einem Kelch das Blut Christi aus der Seitenwunde auffangend. Synagoga, das Judentum, ist mit einer Augenbinde, also blind dargestellt. Die Krone fällt von ihrem Haupt, die Gesetzestafeln des Mose entgleiten ihren Händen. Im Typus des „lebenden Kreuzes“ wird sie sogar durch eine Hand ais dem Kreuzesbalken mit dem Schwert getötet. Oft zeigen die Darstellungen die „Kirche“ auf den Symboltieren der vier Evangelisten reiten, die „Synagoge“ hingegen auf einem Esel mit zerschlagenen Beinen.

In Österreich findet sich dieses Motiv in zahlreichen Kirchen quer durch die Jahrhunderte, aber auch andere zahlreiche jüdische Motive: „Es handelt sich um plakative Gegenüberstellungen des Alten und des Neuen Bundes mit der Absicht der Überbietung“, erklärte Himmelbauer. Diese Gegenüberstellungen könnten heute jedoch statt auf das Trennende auch auf das Verbindende und Gemeinsame verweisen. Himmelbauer: „Wir müssen die Last der Geschichte annehmen und zu einer Wertschätzung des Judentums als Wurzel aber auch als Weggefährte kommen.“

Der „ungekündigte Bund“

Auf die Entwicklung der Beziehung zwischen dem frühen Christentum und dem Judentum nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. ging Josef Pichler, Professor für Neues Testament an der Phil. Theol. Hochschule St. Pölten und der Universität Graz, ein. Die Geschichte der Abgrenzung, Übersteigerung und schließlich Verachtung zeichnete der Neutestamentler anhand des Hebräerbriefes, des nicht kanonischen Barnabasbriefes und schließlich bei Justin nach. Pichler betonte, dass „heute weitgehend Konsens darüber herrscht, dass der Bund zwischen Gott und Israel ungekündigt ist und gültig bis an das Ende der Zeiten.“ Der Bund sei eine Gnadengabe an „sein Volk“, die der „treue Gott“ niemals widerrufe.

Foto: Dr. Markus Himmelbauer (vorne links), Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Josef Pichler (vorne rechts)
Bild: Konrad Witz (1400-1447): Ecclesia und Synagoge, ca. 1430