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Schörl – wer?

St. Pölten, 18.09.2012 (dsp) Den Namen Montessori kennt jeder, ihre Pädagogik ist nicht ganz unbekannt. Aber: Schörl – wer ist das? Schörl-Pädagogik? Nie gehört! Margarete Schörl (1912-1991) hat ein typisch österreichisches Schicksal: im Ausland gefeiert – in der Heimat vergessen. Interessanterweise kennt fast jeder zumindest Elemente der Schörl-Pädagogik – ohne zu wissen, dass diese auf Mater Margarete der Englischen Fräulein zurückgehen. Vieles, was in der heutigen Kindergartenpädagogik selbstverständlich ist – oder gerade wieder entdeckt wird -, geht auf diese niederösterreichische Pionierin zurück. Aus Anlass der 100. Wiederkehr ihres Geburtstages ist eine Reihe von Veranstaltungen in St. Pölten geplant, um Margarete Schörl und ihr Werk in Erinnerung zu rufen.
Das Jubiläum sei eine gute Gelegenheit, „die Nachhaltigkeit und das künftig Gültige ihrer Pädagogik neu zu erkennen und zu entdecken“, sagte Helmut Prader, Bischofsvikar für Ehe und Familie, bei einer Pressekonferenz zur Präsentation der Schörl-Ausstellung im Foyer des NÖ Landhauses in St. Pölten. Mater Schörl spreche von einer „nachgehenden Führung“ und davon, dass im Mittelpunkt das Kind stehe. „Demzufolge hat der Kindergarten zuallererst die Grundbedürfnisse des Kindes nach Schutz, Führung und Freiheit zu befriedigen.“ Prader wies darauf hin, dass von dieser „nachgehenden Führung“ schon im Lukasevangelium und im Johannesevangelium über den Guten Hirten berichtet werde.

Entwicklung einer umfassenden Kleinkindpädagogik

Die österreichische Kindergartenpädagogin beeinflusste mit ihrem Raumteilungsverfahren wesentlich die Kindergartenpädagogik in Österreich, wie Doris Kloimstein, Bereichsleiterin Familie bei den Pastoralen Diensten der Diözese St. Pölten berichtete. Das Raumteilungsverfahren war früher kein Thema, sie dagegen ging weg von der Betreuung in Großgruppen und teilte sie in kleinere Gruppen, um auf die individuelle Bedürfnisse der Kinder besser einzugehen. Das war wegweisend. Durch ihre Vortragstätigkeit in Europa habe Schörl nachhaltig gewirkt. „In Deutschland benennen vor allem katholische und auch evangelische Kindergärten ihre Gruppenarbeit als Schörl-Pädagogik.“
Mater Margarete Schörl habe jedoch kein starres Konzept, das sich nur auf das Raumteilverfahren beschränkt entwickelt, sondern eine „umfassende Kleinkindpädagogik, deren Grundlagen gerade heute mehr denn je aktuell sind“, so Kloimstein. Sie habe nicht nur Kenntnisse, ihre Erfahrungen und Ergebnisse weitergegeben, sondern zur selbständigen Weiterentwicklung anregen wollen: „Selber denken macht gescheit", lautete ihre Devise. Sie habe in ihre Tätigkeit immer die Eltern mit einbezogen und könne deshalb auch als eine der ersten Elternbildner bezeichnet werden, wie Kloimstein betonte.

1945 erster „Versuchskindergarten“

Margarete Schörl wurde am 27. September 1912 in Wien geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs sie bei Verwandten in der Nähe von Krems auf. Sie besuchte nach der Pflichtschule die dreijährige Hauswirtschaftsschule im Institut der Englischen Fräulein in Krems und lernte dadurch die Schwestern des Institutes in ihrer Tätigkeit als Schul- und Erziehungsorden genauer kennen, wie Zeitzeugin Sr. Felicitas Dornhackl von der Congregatio Jesu (vormals Englische Fräulein) erzählte. Ein Praktikum im hauseigenen Kindergarten motivierte Schörl, die Ausbildung zur Kindergärtnerin zu absolvieren. „1933 entschloss sie sich, in unser Institut einzutreten und arbeitete in der Folge in den Kindergärten von Krems, Schiltern und Reichenhall. 1939 bis 1945, zur Zeit der Enteignung unserer Werke, war Mater Schörl Erzieherin in einer Familie.“
All die Erfahrungen im Umgang mit den Kindern waren Anlass, 1945 im Institutshaus in Krems einen „Versuchskindergarten für Erziehungsreform“ zu eröffnen, der nach etlichen Jahren in die Trägerschaft des Landes Niederösterreich übernommen wurde. „Mater Schörl versuchte alle ihre pädagogischen Erkenntnisse und Erfahrungen weiter zu geben und war als Referentin für Kindergartenleiterinnen und Jugendleiterinnen im In- und Ausland tätig“, so Sr. Felicitas.

„Pädagogik soll Dienst am Leben sein“

Den Anstoß zur Wiederentdeckung Schörls in ihrer Heimat gab Anna Ruschka, Pädagogin im Übungskindergarten der Bundesbildungsanstalt für Kindergarten- und Sozialpädagogik St. Pölten, wie deren Direktor Edmund Lobinger berichtete. Auf Anregung Ruschkas werden die Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Ausbildung zu einer pädagogischen Haltung geführt, die sich am Vorbild Schörls orientiere. Lobinger: „Die Faszination Schörls liegt in ihrer großen Liebe zu den Kindern, ihrer ausgeprägten Begabung, aus der präzisen Beobachtung der Kinder deren individuelle Bedürfnisse zu erkennen und ihnen – vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse – im pädagogischen Alltag des Kindergartens die Möglichkeiten zu ihrer Entwicklung zu bieten.“ Wie Schörl selbst sagte: „Die Pädagogik soll Dienst am Leben sein. Das Leben aber fließt, unentwegt verändert es sich.“

Eine Reihe von Veranstaltungen in St. Pölten soll die herausragende Bildungs-Pionierin auch in ihrer Heimat Österreich wieder in Erinnerung rufen:
18. bis 28. September: Schörl-Ausstellung im Foyer des Landhauses St. Pölten, gestaltet von der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik St. Pölten
26. September, 14.00 Uhr: Festakt mit LR Mag. Barbara Schwarz, Diözesanbischof DDr. Klaus Küng und Festvortrag von Dr. Manfred Berger (Dillingen, Bayern), Ostarrichi-Saal NÖ Landhaus
27. und 28. September: Workshoptage Schörl-Pädagogik im Lilienhof, Stattersdorf
27. September, 17.00 Uhr: Gedenkgottesdienst mit Diözesanbischof DDr. Klaus Küng, Lilienhof