Sommerkampagne 2016
Sommerkampagne 2016
 
 

„Kräuter vom Himmel“

Manchmal dürfen wir einen Blick ganz tief zurück in die Dunkelheit der Geschichte tun. Dann sind wir fast immer berührt. Wir erschauern, wenn uns ein Freund erzählt, der kleine Feldweg, auf dem wir gerade gehen, sei vor 2000 Jahren eine wichtige Römerstrasse gewesen. Wir staunen, wenn wir vor jener plumpen runden Frauengestalt aus Willendorf stehen, von der uns die Forscher sagen, dass sie vor 25.000 Jahren von einem Künstler geformt wurde. Vielleicht, weil wir uns dann unserer eigenen Vergänglichkeit bewusster sind? Vielleicht, weil wir in einem solchen Moment für einen Augenblick einen intimen Blick in eine Welt tun dürfen, die uns ebenso vertraut wie fremd ist?
Vielleicht ahnen es die meisten Christen nicht, aber die Kräuterweihe, die zum Brauchtum des großen Festes Mariä Himmelfahrt gehört, lässt uns sehr weit zurückblicken – zunächst 1.300 Jahre, und dann in vorchristliche Zeiten.

Aber zunächst zum Brauchtum selber. Mit dem Fest von Mariä Aufnahme in den Himmel, dem 15. August, auch „Großer Frauentag“ genannt, beginnt in christlicher Tradition der „Frauendreißiger“, jener knappe Monat bis Mariä Geburt am 8. September. Heilkräuter, welche in diesem Zeitraum gesammelt werden, entfalten eine besondere Kraft, so heißt es; und so werden zu Ehren von Maria, der „Blume“, der Lilie“, und in Erinnerung an das leere Grab Mariens, welches die Apostel nach der Legende mit Blumen gefüllt vorgefunden haben, Blumen und Kräuter gebunden und an Mariä Himmelfahrt besonders gesegnet.

Diese Kräuterbündel heißen je nach Region verschieden und setzen sich zumeist aus Heilkräutern zusammen – etwa Hagebutte und Johanniskraut, Kamille und Pfefferminze, Schafgarbe oder wilder Karotte; aber auch Beifuß, Tausendgüldenkraut und und und. Gerne wird als Mittelstück eine Königskerze oder Muttergotteskerze gewählt, oder man entscheidet sich für das Blau der Kornblume, die an den blauen Mantel der Muttergottes gemahnt. Oft waren es sieben Kräuter, der sieben Schmerzen Mariens wegen. Es gibt aber auch größere Bündel von bis zu 77 Kräutern. Die so geformten Buschen werden das Jahr über aufgehängt, in Stall und Küche etwa. Früher gab es noch den Brauch, bei Unwetter etwas von dem Buschen zu verbrennen, bei Krankheit dem Vieh etwas zu verfüttern – und sogar den Toten ein Stück dieses Kräuterbusches in den Sarg mitzugeben.

Überraschend ist, wie weit dieser Brauch zum Fest Mariä Himmelfahrt zurückreicht. Das Fest selber wird schon im fünften Jahrhundert gefeiert, das müssen wir uns einmal vergegenwärtigen – vor dem Jahr 500! Und wenig später, unter dem Heiligen Bonifatius, im Jahr 743, wurde die Kräuterweihe unter die Schirmherrschaft der Muttergottes gestellt. Früh schon gehörten also Mariä Aufnahme in den Himmel und Kräuterweihe untrennbar zusammen, so dass das Fest bald volkstümliche Namen trug wie „Unser Frauen Würzweih“ und „Buschelfrauentag“.

Aber unsere Zeitreise ist noch nicht vorbei. Wie in so vielen Fällen stehen wir hier vor einem Fest, bei dem die frühe Kirche im Rahmen der Heidenmission ein uraltes Fest „getauft“ hat. Der Glaube, dass Pflanzen vom Augustvollmond an besonders „zauberkräftig“ sind, geht auf alte germanische und keltische Bräuche zurück. So feierte man zu Ehren des Gottes Lug in der Mitte des Augusts das Fest des Sonnengottes, der mit der Hitze auch den Pflanzen Kräfte verleiht. Missionare wie Bonifatius gaben oft bestehenden heidnischen Festen einen christlichen „Spin“, um den Übergang zum Glauben für die Neubekehrten zu erleichtern. Schon Papst Gregor der Große ermahnte im Jahr 600 Missionare, Orte des Gebets und Feste der Heiden zu respektieren und nicht auszuradieren. Damit dürfen wir annehmen, dass bis weit zurück in vorchristliche Zeit zu Mitte der Ernte Kräuterweihen stattgefunden haben können.

Womit wir wieder am Anfang sind. Wenn wir mit unserem Kräuterbuschen in der Messe am 15. August (bevorzugt übrigens in der Frühmesse) stehen und den besonderen Segen der Muttergottes auf die Kräuter herabflehen... dann halten wir einen Moment inne. Und werden wir uns bewusst, dass wir etwas tun, das unsere Vorfahren – Christen wie Betende aus viel älteren Zeiten – um dieses Datum herum bereits getan haben, den Schweiß der Augusternte auf der Stirn.

Vielleicht blicken wir einmal kurz über die Schulter und erschauern bei der langen, langen Reihe von Betenden und Bittenden, die dann einen Augenblick lang hinter uns stehen.

Fern und doch auch sehr nah.

Foto: (c)stock