Sommerkampagne 2016
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Johann Sebastian Bach: "„Ich habe genug“

Hätte man in den 1720er Jahren Johann Sebastian Bach in Leipzig den Auftrag gegeben, eine Kantate zu komponieren, er hätte wohl kurz überlegen müssen, was damit gemeint ist und danach vermutlich geantwortet: „Ach so, Sie meinen Kirchenmusik!“. Zu Bachs Lebzeiten war der Begriff der „Kantate“ nämlich noch nicht gebräuchlich, für ihn als Thomaskantor war es selbstverständlich, für Sonn- und Feiertage sogenannte „Kirchenmusiken“ oder „Kirchenconcerti“ zu verfassen. Die Dommusik St. Pölten führt am 2. Februar in der Messe um 19 Uhr ein Werk, das auch in Konzertsälen Furore macht, seinem ursprünglichen Bestimmungszweck zu.
„Ich habe genug“ BWV 82 entstand für den Gottesdienst anlässlich des Festtages „Mariae Reinigung“ am 2. Februar des Jahres 1727. Die Besetzung ist anspruchslos: Eine einzige Singstimme wird von einem Streicherensemble mit Continuo sowie einer Oboe begleitet. Mehrere Aspekte deuten darauf hin, dass sich die Kantate von ihrer Uraufführung an sehr großer Beliebtheit erfreut hat, denn ihre Melodien fanden nicht nur Einzug in Anna Magdalena Bachs Klavierbüchlein, sondern das Werk wurde von Bach in den darauffolgenden Jahren auch mehrfach bearbeitet und immer wieder aufgeführt. Dabei entstanden Fassungen für Sopran und Mezzosopran, bevor sich der Komponist wieder der ursprünglichen Stimmlage, dem Bass, zuwandte.

Markus Volpert übernimmt in St. Pölten den Solopart, der zwei der schönsten und ausdrucksstarken Bach-Arien überhaupt enthält. Inhalt ist der Lobgesang des Simeon, der Textdichter ist nicht überliefert, hält sich aber großteils an die betreffende Stelle im Lukas-Evangelium (Lukas 2, 25-32). Die aus heutiger Sicht vielleicht paradox wirkende sehnsüchtige Jenseitsmystik wird textlich und musikalisch facettenreich artikuliert und gipfelt nach dem Rezitativende mit den Worten „Der Abschied ist gemacht, Welt, gute Nacht!“ bezeichnenderweise in einer Vivace-Arie mit dem Titel „Ich freue mich auf meinen Tod“.

Teresa Vogl