Sportlermesse mit Fußball-Segnung
Kinder an der Orgel
Pater und Jugendliche am Lagerfeuer
 
 

St. Pöltner Schüler auf Spurensuche nach jüdischer Vergangenheit

„Viele an unserer Schule wussten erschreckend wenig über das Judentum und über die jüdischen Wurzeln in ihrer Heimat“, erzählten Jugendliche kürzlich bei der Präsentation des Projektes „Sag mir, wo die Juden sind“ im St. Pöltener Stadtmuseum.
Eine andere Schülerin sei erschüttert gewesen, als ihr jemand im Rahmen der Forschungsarbeiten erzählte, dass sie früher im Burgenland viele jüdische Nachbarn hatte, „die dann mit Aufkommen des Hakenkreuzes verschwanden und keiner wusste wohin“. Daher sei es wichtig, „sich wissenschaftlich auf Spurensuche zu begeben, um das jüdische Leben, das es vor 1938 in St. Pölten und in ganz Österreich gab, wiederzuentdecken“, betonte Betriebsseelsorger Sepp Gruber. Gruber weiter: „Das Wissen um die Wurzeln von sich und anderen ist wichtig für die Identität.“

Gemeinsam mit der Entwicklungshilfsorganisation „Südwind NÖ“, die in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit für eine nachhaltige globale Entwicklung aktiv ist, lud Gruber christliche, jüdische und muslimische Migranten ein, um über ihr Schicksal zu erzählen. Christa Esterházy etwa erzählte, wie sie als junges Mädchen aufgrund ihrer jüdischen Abstammung vor den Nazis nach London floh. Sie habe sich rasch etwa in Bezug auf die Sprache an ihre neue Heimat angepasst und wollte auch in England bleiben. Sie sei aber aus Pflichtbewusstsein nach dem Ende des Krieges, den ihre Eltern in Wien überlebten, nach Österreich zurückgekehrt und hat hier rasch Karriere gemacht. Sie sagt, „Erfahrungen in fremden Ländern können für Migranten wertvoll sein“. Aus Esterházys Sicht komme es darauf an, „was man aus den vorgefundenen Möglichkeiten macht“.

Migration - damals und heute

Eine „ganz andere Migrationsgeschichte“ erzählte der junge kurdische Türke Mevlüt Kücükyasar (Berater bei FAIR/Volkshilfe). Auch er musste in seiner Schule in Anatolien eine für ihn fremde Sprache lernen – die türkische. Sein Vater wanderte nach Österreich aus, um hier zu arbeiten und Geld zu verdienen. Dann holte er seine Familie nach. Wieder musste sich Kücükyasar eine andere Sprache aneignen – die deutsche. Es habe ihn geprägt, oftmals den Alltagsrassismus gespürt zu haben: in der Schule, in der Fußballmannschaft oder beim Fortgehen. Viele Geschichten von Migranten würden sich ähneln. Was ihn besonders gekränkt habe, sei, dass sich niemand für seine Kultur und Sprache interessiere. Kaum ein Österreicher habe ihn je gefragt, was seine Familie zu Hause esse oder wie sie ihre Feste feiern.

Das Projekt „Sag mir, wo die Juden sind“, das am Institut für jüdische Geschichte Österreichs in der ehemaligen Synagoge St. Pölten durchgeführt wird, besteht aus mehreren Teilen, einer Dissertation historischen Studie von Iris Palenik, der Erarbeitung und Auswertung eines Fragebogens und der thematischen Analyse von jüdischen Lebenserinnerungen durch Schüler am BG/BORG Schulring und BG/BRG Josefstraße. Beim Fragebogen erhoben die beiden St. Pöltener Schulklassen Faktenwissen zur jüdischen Migrations- und Vertreibungsgeschichte im Raum St. Pölten und zur eventuellen Einwanderungsgeschichte der eigenen Familie. Mehr Raum nahmen Fragen zu persönlichen Einstellungen, Überzeugungen, Haltungen und Verhaltensweisen zu den Themen „Migration“ und „Erinnerung“ ein. Das Projekt wird im kommenden Jahr abgeschlossen.

Palenik berichtete, die Schüler seien „dort abgeholt worden, wo sie wissensmäßig standen“. Insgesamt wurden in dem Projekt 200 Schüler zu jüdischen Spuren in ihrer Heimatgemeinde sowie zu Migration befragt. Es gehe dabei nicht nur einfach um Wissensvermittlung, sondern darum, Erfahrung zu machen. Wichtiges Anliegen sei es gewesen, „Meinung, Erfahrung und Wissen“ unterscheiden gelernt zu haben. Im Forschungsprojekte gehe es darum, „Relevanz von Erinnerung für die eigene und kollektive Identität“ zu erkennen.

Foto1: Betriebsseelsorger Sepp Gruber.

Foto 2: Schüler, Migranten und Experten diskutieren über Zuwanderung.