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St. Pöltner Domplatz: Großes Interesse an archäologischen Ausgrabungen

Wissenschafter und St. Pöltens Bürgermeister Matthias Stadler zogen bei einer Pressekonferenz ein erstes Resümee zu den archäologischen Grabungen am Domplatz vor der Winterpause.
Auf einer Fläche von 870 Quadratmetern arbeiten im Bereich der ehemaligen Grabkirche bis zu 25 Personen, um beeindruckende Ergebnisse ans Tageslicht zu befördern. Stadler sieht die Ausgrabungen als „wichtigen Schritt für ein zentrales Projekt mit maßgeblicher Bedeutung“. Die Entwicklung des Domplatzes habe größte Priorität, die erforderlichen archäologischen Arbeiten sollen schnellstmöglich durchgezogen werden.

Die Besucherplattform des Domplatzes sei ein großer Erfolg und werde ebenso gerne angenommen wie die angebotenen Führungen. Zahlreiche Schüler wären vom Workshop „Archäologie live“ begeistert gewesen. Positive Reaktionen gebe es auch auf die noch laufende Ausstellung im Stadtmuseum „Da steh i drauf“. Zusätzlich wurden die Entdeckungen auch im Rahmen der „Langen Nacht der Kirche“ vorgestellt.

Schwerpunkt liegt auf ehemaliger Pfarrkirche

Ein Schwerpunkt der Untersuchungen war heuer die ehemalige Pfarrkirche „Zu unserer lieben Frau“. Unterhalb der Kirche liegt ein römischer Großbau, möglicherweise ein öffentliches Badehaus, berichtete der St. Pöltner Stadtarchäologe Ronald Risy. Dessen Mauern haben sich stellenweise fast bis zur heutigen Oberfläche erhalten. Indizien weisen darauf hin, dass Teile dieses römischen Gebäudes im Mittelalter als christlicher Sakralbau genutzt wurden: möglicherweise bereits im 9. Jahrhundert, spätestens aber im 11. Jahrhundert. 1133 wurde die romanische Kirche geweiht.

Unter Propst Ulrich Feyertager (1360-1369) erfolgte ein dreischiffiger Neubau, der fast die gesamte Breite des Domplatzes einnahm. Im Zuge der Errichtung des barocken Klosters und der Kirche (dem heutigen Dom) wurde der Chorberreich der Kirche vollständig abgetragen, zeigen die Grabungen. 1689/90 wurde auch der restliche Bestand der Kirche abgerissen.

Funde bringen wichtige anthropologische Rückschlüsse

Heuer wurden bereits 1.242 Skelette anthropologisch bearbeitet. Von jedem Verstorbenen wurden Proben entnommen. Nach Abschluss der Untersuchungen sollen die Skelette in einem Sammelgrab beerdigt werden.

Zu den für die Wissenschaft interessantesten anthropologischen Funden zählt heuer das Massengrab einer Familie mit 18 Menschen, die alle zugleich bestattet wurden. Sämtliche Kinder waren im Abstand von ein bis zwei Jahren voneinander geboren. Das Grab stelle daher einen seltenen, durch Knochen belegten historischen Nachweis für die hohe Geburtsbelastung der Frauen im Mittelalter dar. Die anthropologischen Funde ermöglichen wichtige Rückschlüsse auf die Belastungs- und Umwelteinflüsse früherer Generationen, betonen die Wissenschaftler die hohe Bedeutung der Grabungen.

Diese begannen 2010 und sollen noch rund zwei Jahre weitergehen – das ist abhängig von den Witterungsverhältnissen und den Funden. Die Arbeiten am Domplatz sind jährlich mit rund einer Million Euro im außerordentlichen Haushalt der Stadt budgetiert, im Vorjahr lagen die Kosten bei 450.000 Euro, heuer dürfte es das Doppelte sein. An der Wiederherstellung der Oberfläche des Domplatzes werden auch diözesane Experten miteinbezogen.

Fotos: 2x Medienservice Stadt St. Pölten / Referat für Kommunikation der Diözese St. Pölten