Erntekrone
Weinstöcke mit Trauben
Pilgergruppe im Herbst
 
 

Kritik am "Pilgern zu Steinen und nicht zu den Menschen“

„Mit einem Besuch bei den Christen Palästinas geben Pilger ihnen eine Perspektive im Land zu bleiben“, betonte Mag. Viola Raheb bei der Kirchenfachmesse GLORIA in St. Pölten. Raheb, die selbst aus Bethlehem stammt, kritisiert, dass die meisten der rund 1,6 Millionen Besucher der Geburtsstadt Jesu nur „Steine, aber nicht die ansässigen Bewohner besuchen“. Es könne für das Christentum nicht egal sein, „ob die Geburtskirche ein Museum werde oder ob die lokalen Christen dort weiter Gottesdienste feiern“, so Raheb.
„Die meisten christlichen Pilger bleiben nur zwei, drei Stunden in Bethlehem, um die Geburtskirche anzusehen“, so Raheb, die als Konsulentin für verschiedene Nichtregierungsorganisationen und als Buchautorin arbeitet. Daher ihre eindringliche Bitte: „Wenn Sie den Geburtsort Jesu oder andere Touristenzentren in Palästina besuchen, dann gehen Sie bitte auch zu den christlichen Familien, übernachten Sie in den Hotels und reden Sie mit den Menschen.“ Für Raheb sei es in ihrer Kindheit deprimierend gewesen, wenn Scharen von Pilgern an ihrem Haus neben der Geburtskirche vorbeiliefen, ohne sich für die dortigen Christen zu interessieren.

Angehende Reisende ins Heilige Land könnten zum Beispiel ihre Pfarrer dazu motivieren, dass er Besuche bei den palästinensischen Christen beim Reisebüro anregt. Diese „alternativen Reisen“ sollten auch beinhalten, dass palästinensische Christen die Pilger begleiten oder dass Gottesdienste mit den lokalen Christen gefeiert werden.

Nur noch 60.000 Christen in Palästina

Die Christen Palästinas würden es zwar als Verpflichtung ansehen, im Heiligen Land zu bleiben. Dennoch gebe es nur mehr rund 60.000 Christen in den Palästinenser-Gebieten – aber fast eine Million in der Diaspora. Als Gründe nennt Raheb, die Theologie und Pädagogik studierte und seit 2002 mit ihrer Familie in Wien lebt, die fehlende Perspektive aufgrund der israelischen Besatzung. Die jungen palästinensischen Christen seien gut ausgebildet, sprechen meist mehrere Sprachen und studieren oft im Ausland. Daher wandern viele aus. Problem sei die Politik, nicht die Religionen, die man allerdings oft instrumentalisieren würde. Frieden könnten nur die Menschen vor Ort schließen und es gebe auch viele Israelis und Palästinenser mit gutem Willen dazu.

Die Christen Palästinas hätten einen dreifachen Nutzen, wenn es mehr Interesse seitens der Pilger aus aller Welt an ihnen gebe:

1. Es stärkt sie wirtschaftlich, wenn Touristen bei den palästinensischen Christen Andenken kaufen oder in deren Restaurants essen.
2. Es sei psychologisch wichtig, wenn die Christen im Heiligen Land, die seit 2000 Jahren dort leben, Begegnungen mit Menschen aus aller Welt haben und die sich mit ihnen solidarisieren.
3. Teilnehmer einer „alternativen Reise“ könnten „Botschafter des Friedens“ sein, weil sie ihre Wahrnehmung in aller Welt erzählen.

Aus Sicht Rahebs seien Fahrten in die Palästinenser-Gebiete sicher. Im Gegensatz etwa zu Ägypten hätten Extremisten niemals Touristen attackiert. Es gebe auch keine Reisewarnung. Allerdings empfiehlt sie den Reisebüros, lokale palästinensische Reiseleiter zu wählen, die die Gegebenheiten vor Ort kennen.