Erntekrone
Weinstöcke mit Trauben
Pilgergruppe im Herbst
 
 

Glanz auf der Gloria

Die Kirchenmesse GLORIA im VAZ St. Pölten zu betreten heißt, mit allen Sinnen in eine betörende Mischung aus heranstürmenden Eindrücken zu tauchen. Da umweht einen gleich an der ersten Biegung ein nicht lokalisierbarer Weihrauchgeruch, Glocken läuten zu unvorhersehbaren Zeiten und lenken den Blick auf die Uhr; plötzlich dröhnt eine nahe Orgel los und macht mit ihrer automatisierten Wiedergabe des "O Fortuna" aus Orffs "Carmina Burana" jegliche Konversation für einige Minuten unmöglich. Dazwischen flackern künstliche und echte Kerzen und blinken Lieder-Nummerntafeln, dass einem ganz wirr wird von den vielen Eindrücken. Also lässt man sich mittreiben und erkundet diese im deutschen Sprachraum einzigartige Veranstaltung.
Eigentlich ist es ja vor allem eine Messe für Dienstleistungen rund um die Kirche, von den Kerzenherzstellern über die Holzschädlings-Beseitiger, von den Paramentenwebern bis zu den Glockengießern. Und doch ist es etwas besonderes, wenn die Kirche zusammenkommt, automatisch herrscht eine völlig andere Atmosphäre als auf jeglicher anderen Messe. Einerseits sind es ja nicht nur Dienstleister, die hier ausstellen. Auch Organisationen wie die Caritas oder die Päpstlichen Missionswerke „Missio“, der Fernsehsender EWTN oder die Legion Mariens lassen es sich nicht nehmen, auf der GLORIA präsent zu sein.

Andererseits staunt man über die große Menge an Geistlichen, die durch die Gänge schwirren; selten sieht man auf einem Fleck je so viele römische Priesterkrägen versammelt. Es gibt ja auch die Gelegenheit, jede Menge Schnäppchen, neue Techniken rings um die Kirchenausstattung zu entdecken. Hier huschen zwei junge Klosterschwestern in Schwarz vorbei, um eine Bekannte zu begrüßen, dort prüft ein älterer Priester nachdenklich die Spitzen eines Chorhemdes. Überhaupt, die Paramente! Ein wenig Basar-Stimmung kommt schon auf, wenn auf einem Stand für Kirchenbedarf knallbunte Priestergewänder von der Stange hängen und zum Stöbern einladen. Anderswo sind leuchtend rote Gewänder auf einer sehr unpriesterlichen Schaufenster-Modelpuppe mit poppigen Haarschnitt drapiert – und an einem dritten Stand kann man eine cremefarbene Kasel gewinnen, wenn man das Gewicht einer Bischofsmitra richtig schätzt.

Man kämpft sich vorbei an einem Holzschnitzerei-Betrieb, wo ein älterer Herr in Lederhosen, der Boden übersät mit Holzsplittern, ein Engelsgesicht in einen unbehauenen Holzklotz schnitzt; vorbei an einem himmelhohen Wald aus Aluminium-Teleskopstangen, an deren Enden, in zwölf Metern Höhe knapp unter der Hallendecke, anti-statische Wischer gegen Spinnweben an Kirchendecken baumeln, und dann findet man endlich den Weg zum eigentlichen Herz der GLORIA.

Genauer gesagt ist es ein "Doppelherz". Der blau-leuchtende Stand von Radio Maria mit seiner Sendekabine ist das geistliche Herz der Messe, der gleich daneben liegende Kirchenheurige der Diözese St. Pölten mit seinem Ausschank, seinen Biertischen und seiner kleinen Bühne wohl das sinnliche Zentrum. Hier die immer gut gelaunten Radio Maria-Mitarbeiter, die Gebete formulieren, Lieder abspielen, immer neue Studiogäste interviewen oder irgendwo auf der Messe zu einem Gespräch abfangen. Der Livebericht wird auf UKW 95,5 in den ganzen Senderaum St. Pölten hinein ausgestrahlt – und über Kabel und Internet nach ganz Österreich. Und nebenan ein bunter Reigen an Musikgruppen, Darbietungen und Veranstaltungen zu den großen Themen "Mostviertel" (Donnerstag), "Waldviertel" (Freitag) und "Familie" (Samstag), immer begleitet von den unermüdlich Wein und Saft ausschenkenden Damen und Herren an der Theke. Ob es ein Schulchor aus Groß-Göttfitz/Grafenschlag ist, der Kirchenlieder singt, ob die ohrenbetäubend wilde Percussionkünste der Tagesstätte Zuversicht aus Kleinpertholz den Raum erfüllen oder ob schallendes Gelächter ertönt, wenn die Theatergruppe Neidling die "Drei Könige" auf eine ganz ungewohnte Art präsentiert – der Kirchenheurige ist das heimliche Zentrum des Geschehens. Am Rand wird ein original Waldviertler Schuh genäht oder originelle Most-Theologie geboten. Dazu gibt es das neue Diözesanjahrbuch und belegte Brote.

Wer nach all den Eindrücken etwas mehr Ruhe sucht, kann im Restaurantbereich Mittag essen oder beim GLORIA-Forum im zweiten Stock ernsthaften Vorträgen über die großen Themen der Diözese und der Kirche in der Welt lauschen, ehe er sich wieder in die Welt der Aussteller wirft.

Zum Beispiel kann man jeden Tag um 14h die "Geburt der Glocke" erleben. Kein eigentlicher Glockenguss, der findet Tage vorher statt. Aber der Moment, in dem die Glocke befreit wird, zieht dennoch immer viele Schaulustige an. Wenn der Glockengießer dann mit seinem Hammer auf die Metallumhüllung schlägt (die aussieht wie drei übereinander stehende rostige Aktentaschen), die Rahmen löst und die kleinen, noch scharfkantigen 15 Glöckchen aus dem bröseligen dunkelbraunen Sand befreit, dass die Klumpen nur so fliegen - das ist ein sinnliches Ereignis der Extraklasse. Gleichzeitig erlauscht man, dass ein nahes Glockenspiel neben Frömmigkeiten offenbar auch das gesamte Pippi-Langstrumpf-Titellied kann...

Nach so viel Tradition wie dem Glockenguss mutet es schon ernüchternd an,an einem kleinen dunklen Stand "Smart Candle" zu besichtigen - die (nach Aussagen des Ausstellers) "Kerze der Zukunft", noch ein Prototyp. Erst bei sehr genauem Hinsehen entpuppt sich die Flamme der echten Wachskerze als unecht: es ist ein kleines Plättchen, das von einem darunter liegenden Glühlämpchen beleuchtet wird und, durch die Wärme des Lämpchens bewegt, auf einem hauchfeinen Draht hin- und hertanzt. Der visuelle Effekt ist verblüffend, aber irgendwie enttäuschend. Wie sagt der Aussteller: "Es wird Zeit, dass die Menschen sich von der Idee der stinkenden, rußenden Kerze verabschieden."

Nun ja. Wer es gerne traditioneller hat, der strömt am Familien-Samstag zum Kisi-Kids Musical "Paulus", wo Kinder mit viel fröhlichen und lustigen Liedern die Geschichte des Apostels Paulus im GLORIA-Forum darbieten. Dann noch ein Vortrag von Martina Leibovici-Mühlberger über „Was Familien stärkt“, und dann geht die Gloria schon zu Ende; die Aussteller beginnen mit dem Abbau. Vielleicht sind einige von ihnen wieder präsent, wenn die GLORIA im nächsten Jahr ihre Tore in Augsburg in Deutschland öffnet?

Was bleibt von all dem Glanz der GLORIA? Ein wenig Marktplatz, ein wenig Diözesantreff, in jedem Fall viel mehr als „nur eine Kirchenmesse“, ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Und am Ende, auf einem der letzten Rundgänge, löst sich auch das Rätsel des feinen Weihrauchgeruchs, der einen bald hier, bald dort verfolgt hat und dessen Quelle man nicht finden konnte. Hat jemand ein Parfum versprüht? Oder ist es doch ein Stück Himmel, das man da erschnuppert? Leider Fehlanzeige. Hinter einem Priestergewand bei einem der vielen Aussteller ist die Kerze mit den dezenten beiden Weihrauchmischungen versteckt. Sie verbreitet ihren Duft sehr dezent - wegen der Rauchmelder, erläutert der Aussteller.
Und doch begleitet einen dieser göttliche Duft noch eine Weile, wenn man die GLORIA und das St. Pöltener VAZ schon längst hinter sich gelassen hat.