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„Brauchen Modelle gegen Gewalt und Missbrauch“

Medienberichte über sexuellen Missbrauch hätten kein Interesse, den Opfern zu helfen und für Menschenwürde zu sorgen, sagte die Psychoanalytikerin Rotraud Perner bei einer Diskussion über „Missbrauch in Kirche und Gesellschaft“ am 29. April in Amstetten. Gemeinsam mit dem Leiter der Ombudsstelle der Diözese St. Pölten, Dechant Johann Zarl stellte sie sich den Anfragen zahlreicher Teilnehmer über Hintergründe und Prävention von Missbrauchsfällen. In ihren Ausführungen über Ursachen von Gewalt und Missbrauch forderte Perner, frühzeitig Modelle gegen Gewalt und Missbrauch zu entwickeln. Es gebe eine „lange Tradition des Schweigen müssens“, sagte sie und verwies auf die verheerenden Auswirkungen in der Vergangenheit. Nun sei es an der Zeit, frühzeitig präventive Maßnahmen zu setzen, forderte die Expertin und bezog sich immer wieder auf Erfahrungen in ihrer Praxis. Missbrauch beginne dort, wo Menschen andere Personen wie eine Sache benutzen und abhängig machen, wies sie hin.
Schon bei jungen Menschen müsse das Empfinden geschult werden, ungewöhnliches Verhalten, „wenn etwas nicht stimmt“, frühzeitig wahrzunehmen und dann konsequent Grenzen zu setzen. Gerade Kinder, denen unbedingter Gehorsam anerzogen wurde, seien besonders gefährdet, meint Perner. Kinder bräuchten ein höheres Energieniveau, dem entgegenzutreten.


Reden und Gefühle ansprechen


Aufgabe sei es, Opfern wie auch Tätern zu helfen, aus ihrem „schockierendem Zustand“ wegzukommen. Es brauche Formen, die es auch der anderen Person nicht unmöglich mache, sich zu ändern, legte Perner dar. Wichtig sei, dass über die Erlebnisse geredet werde und dabei auch jene Gefühle angesprochen werden, über die bislang kaum gesprochen werde.
Helfen könne letztlich nur die Auseinandersetzung mit der Wahrheit, sagte Perner. Opfer bräuchten in erster Linie Verständnis dafür, was ihnen angetan wurde. Perner warnte aber vor einer „Skala“, Übergriffe als „ärger oder geringer“ einzustufen. Entscheidend sei, was eine Person empfinde.
„Wir müssen trachten, dass wir gesünder werden“, verlangte die Psychoanalytikerin und forderte einen „liebevolleren, kommunikativeren, solidarischeren Umgang miteinander“, der auch jene nicht ausschließen dürfe, die Fehler gemacht haben. „Wir müssen beim Gefühl ansetzen und nicht beim Denken, denn die Mitte liegt im Herzen“, so Rotraud Perner.
Pädophilie ist für Perner nicht unheilbar. Denn „durch psychotherapeutische Maßnahmen kann die Neurosignatur geändert werde“, ist sie überzeugt.


Ombudsstelle mit neuem Leiter in St. Pölten geplant


Der Leiter der Ombudsstelle, Dechant Johann Zarl stellte diese Einrichtung vor, deren vorrangige Aufgabe es sei, Opfern zu helfen. Diese Einrichtung arbeite unabhängig und sei auch dem Bischof gegenüber keine Rechenschaft schuldig, wies er hin. Zarl kündigte Änderungen in der Ombudsstelle an, die demnächst umgesetzt werden. So soll in St. Pöltens selbst eine Anlaufstelle mit einer eigenen Telefonnummer eingerichtet werden. Wegen Überlastung und einer überdiözesanen Übereinkunft, dass keine Priester an der Spitze einer Ombudsstelle stehen sollen, werde er diese Funktion ebenfalls übergeben.
Zarl berichtete vom einen Anstieg der Anrufe in den vergangenen Monaten, wobei sich nur ein kleiner Teil auf Gewalt und Missbrauch bezog, und diese meist schon viele Jahre zurückliegen. Die meisten Anrufer wollen sich ihre Erlebnisse einmal „von der Seele reden“, sagte er.
Zarl ortet durch den Umgang mit Missbrauch in der Kirche einen massiven Verlust an Glaubwürdigkeit. Er hoffe aber, dass diese schwere Zeit zu einem neuen Umdenken führen werde, sagte er.


Foto: vlnr: Mag. Peter Halswanter (KBW), Dr. Rotraud Perner, Dechant Johann Zarl.