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„Theologie ist nachdenkender Glaube" Interview in „Theolgie aktuell“

Theologie Aktuell, Heft 04/24 2008/09 Der St. Pöltener Weihbischof Anton Leichtfried hat 2008 in der Nachfolge von Weihbischof Helmut Krätzl in der Bischofskonferenz die Zuständigkeit für die Theologischen Kurse übernommen. Bereits seit einigen Jahren ist er auch Referent der Theologischen Kurse im Fach Spiritualität. Im Gespräch mit „Theologie Aktuell“ spricht er darüber, was ihm am Fach Spiritualität wichtig ist, bezeichnet die Theologischen Kurse als „pädagogisches Schlaraffenland“ und berichtet von der Weltbischofssynode in Rom, an der er als österreichischer Delegierter teilgenommen hat.


Theologie Aktuell: Sehr geehrter Herr Bischof, Sie sind in der Nachfolge von Weihbischof Krätzl für die Theologischen Kurse in der Bischofkonferenz zuständig. Sind Sie damit zufrieden, dass Ihnen diese Verantwortung übertragen wurde?


Ja, ich bin dankbar, denn die Vermittlung von Glaube und Theologie an möglichst viele Menschen, auch außerhalb der Universität, ist mir ein großes Anliegen.


Theologie Aktuell: Seit einigen Jahren sind Sie Referent der Theologischen Kurse. Was sind ihre Erfahrungen mit den Kursteilnehmern?


Meine Erfahrungen mit den Kursteilnehmenden sind äußerst positiv. Sie sind hoch motiviert und engagiert bei der Sache. Sie wollen etwas und erwarten etwas – man könnte sagen: so etwas wie ein „pädagogisches Schlaraffenland“. Mich als Vortragenden hat das im positiven Sinn gefordert und gefördert.


Theologie Aktuell: Herr Bischof, Ihr Fach bei den Theologischen Kursen ist Theologie der Spiritualität. Was ist ihnen in der Vermittlung dieses Faches wichtig?


Theologie der Spiritualität ist insofern ein dankbares Fach, weil es um die konkreten Fragen des Glaubens, des Betens, der Liturgie geht. Es ist nahe am Leben – das macht das Fach für viele leicht zugänglich. Umso wichtiger ist es, die vitale Spannung von Vollzug und Reflexion aufrecht zu erhalten. – Im Rahmen des Theologischen Kurses ist es wichtig, auch den eigenen Glaubens- und Frömmigkeitsstil zu reflektieren. So lerne ich mich selber besser kennen und kann auch andere Christen mit ihren Frömmigkeitsstilen besser verstehen. Das Reflektieren ersetzt natürlich nicht den Vollzug, aber man sollte selber auch wissen, warum einem z.B. gerade die franziskanische Spiritualität so zusagt.
Ein weiteres Anliegen ist mir die Verbindung von Spiritualität und Glaubensbekenntnis, von spiritueller und systematischer Theologie. Damit nicht der Eindruck entsteht: Spiritualität sei nett, fromm und konkret, während die anderen Fächer trocken, schwierig und nur theoretisch seien. Die konkreten Spiritualitätsstile verdanken sich systematisch-theologischen Grundentscheidungen.


Theologie Aktuell: Zu den Schwerpunkten Ihres Studiums gehört die Dogmatik. Können Sie die Dogmatik im Theologischen Kurs einbringen?


In Dogmatik habe ich meine Dissertation geschrieben. Dogmatik hat mich immer schon interessiert, weil es hier um die Kernfragen des Glaubens geht. Ich sag’s vielleicht einmal so: Es wäre ganz schlecht, wenn christliche Spiritualität nichts mit dem Glaubensbekenntnis zu tun hätte. Wenn es nur eine fromme Nische wäre, die nichts mit den Glaubensinhalten und mit der theologischen Reflexion zu tun hätte. Natürlich ist klar: Gerettet werden wir nicht durch die Theologie, sondern durch den Glauben und durch Christus. Das heißt, es wäre auch ganz schlecht, wenn es nur um eine Theorie ginge, die nichts mit dem Glauben zu tun hat und nicht zum Glaubensvollzug führt. In der spirituellen Theologie geht es darum, den eigenen Glaubensvollzug und –stil zu überdenken. Theologie ist „nachdenkender Glaube“. „Glaube ohne Kopf“ – das wäre nicht lebensfähig!


Theologie Aktuell: Kein „Glaube ohne Kopf“ und keine „Spiritualität ohne Inhalt“, könnte man das so zusammenfassen?


Ja, so könnte man sagen. Heute erleben wir einen neuen „Megatrend Spiritualität“. Dabei sind christliche Unterscheidungen und Unterstreichungen gefragt.


Theologie Aktuell: Herr Bischof, Sie haben einige Jahre lang angehende Priester im so genannten Propädeutikum begleitet. Was ist das genau?


Das Propädeutikum in Horn ist das erste gemeinsame Jahr für alle Seminaristen in Österreich. Dabei steht die spirituelle Dimension im Vordergrund. Während der Seminarzeit hat ja dann das Studium das Hauptgewicht.


Theologie Aktuell: Im Propädeutikum waren Sie Spiritual. Worauf kommt es Ihnen in der spirituellen Priesterausbildung an?


Allgemein kommt es mir auf ein gutes Miteinander der so genannten „vier Säulen der Priesterausbildung“ an: das Humanum (also die menschliche Dimension), die theologische Ausbildung, die spirituelle Dimension und die pastorale Befähigung. Als Spiritual war meine Aufgabe, die Kandidaten darin zu begleiten und zu fördern, möglichst geistlich zu leben. Das ist ja kein Sonderprogramm neben oder über dem normalen Leben, sondern betrifft 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Geistliches Leben orientiert sich an Geist und Leben Jesu und ist getragen von der Kraft und den Gaben des Heiligen Geistes. Da geht es nicht nur um die Frage, wie ich zu sinnvollen Gebetsformen komme, sondern um den ganz konkreten Alltag, z.B. wenn mir mein Zimmernachbar auf die Nerven geht: wie gehe ich damit geistlich, also im Sinne Jesu um?!


Theologie Aktuell: Derzeit sind Sie Leiter des St. Pöltener Priesterseminars. Sie stehen dort für einen Neuanfang. Wie geht es Ihnen in dieser Rolle?


Es war eine große Aufgabe, dieses Haus im Jahr 2005 zu übernehmen und – es war ja ein Jahr geschlossen - neu zu eröffnen. Es hat mich schon einiges gekostet, diese Verantwortung zu übernehmen. Aber ich hatte von Beginn an eine große Unterstützung in der Diözese, sowohl von den Priestern und Diakonen, als auch von den Religionslehrern und den Pastoralassistentinnen. Was mich natürlich nicht freuen kann, ist die geringe Zahl an Seminaristen. Froh bin ich hingegen, dass das Seminar wieder mitten in der Diözese verankert ist. Sehr bald ist ein guter Geist eingekehrt. Und es ist nicht nur ein Ausbildungshaus, sondern auch ein Haus der Priester. Viele kommen zu Besuchen, Treffen oder Einkehrtagen. Aber auch Pastoralassistenten, Diakone und andere Gruppen, wie z.B. Pfarrgemeinderäte kommen häufig in unser Haus.


Theologie Aktuell: Auf der Weltbischofssynode über die Bibel in Rom im vergangenen Oktober waren Sie als österreichischer Delegierter dabei. Wie muss man sich das Geschehen auf einer Weltbischofssynode vorstellen? Wie ist die Stimmung?


Am meisten beeindruckte mich die hautnahe Erfahrung von Weltkirche. Es waren dort 250 Bischöfe, dazu Theologen und Experten, Ökumenische Vertreter von Schwesterkirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie weitere Gäste (so genannte Auditores). Insgesamt 400 Teilnehmer aus der ganzen Welt. Wie aber funktioniert eine Diskussion unter 400 Leuten im Saal? - Man muss sich anmelden und hat dann fünf Minuten Redezeit, danach wird das Mikrofon abgeschaltet – egal ob gerade ein kleiner Weihbischof oder ein bekannter Kardinal an der Reihe ist. Es gibt sechs offizielle Sprachen in Simultanübersetzung, Latein und Deutsch sind dabei kleine Minderheiten. In den Pausen ergeben sich darüber hinaus oft wichtige spontane Begegnungen.
In der zweiten und dritten Woche gab es Untergruppen nach Sprachzirkeln. Im deutschen Zirkel waren aber auch z.B. Kardinal Vlk, der neue Erzbischof von Bratislava und ein Weihbischof von Portugal, Professor Söding und Kurienkardinal Kasper. Diese Sprachgruppen bereiten die Vorschläge (Propositionenes) vor, welche dann dem Papst vorgelegt werden. Ergebnisse im Sinne von Entscheidungen gibt es keine, eine Synode ist ja ein beratendes Gremium.
Eine Weltbischofssynode ist eine interessante Schule des Zuhörens. Wenn man beispielsweise über neue liturgische Bücher diskutiert und neben mir sitzen zwei philipinische Bischöfe, von denen ich vorher gehört habe, dass sie gerade mit Müh und Not eine Billigversion der Bibel herausgebracht haben – dann verändert das mein Zuhören und meinen Zugang.


Theologie Aktuell: Bei den Sitzung der Synode soll sich auch der Papst zu Wort gemeldet haben. Man konnte lesen, dass es um die Debatte über die historisch-kritische Exegese und die sogenannte kanonische Schriftauslegung ging. Besteht in dieser Frage eine grundsätzliche Uneinigkeit?


Der Papst hat sich im Verlauf der drei Wochen genau einmal zu Wort gemeldet. Das ist ein interessantes katholisches Phänomen: Man stelle sich vor, da gib es eine Synode, der Papst geht hin – und: er spricht nicht, sondern hört „nur“ zu!
In seiner einzigen Wortmeldung hat er einen Pflock eingeschlagen für die historisch-kritische Methode. Christentum ist nämlich keine Mythologie, sondern beruht auf Geschichte, gründet in einer geschichtlichen Person. Diese Wirklichkeit unseres Glaubens muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln untersucht werden.
Einen weiteren Pflock hat er dafür eingeschlagen, was er zusammenfassend „theologische Exegese“ nennt. Historisch-literarische Auslegung allein reicht nicht, es braucht die spirituelle und theologische. Die Heilige Schrift ist ja aus dem Glauben und für den Glauben geschrieben.
Eine wichtige Fragestellung war überdies: Was ist einfaches Bibellesen aus dem Glauben? Nicht jeder Gläubige kann Theologie studieren – wie können möglichst viele Menschen einen Zugang zur Bibel finden?!


Theologie Aktuell: Und welche Bedeutung hat die Bibelsynode für den einzelnen Glaubenden an der Basis? Anders gefragt: Wie können Menschen in einem „Leben aus der Bibel“ gestärkt werden?


Des öfteren wurde ich angesprochen: „Bei der Synode ging es um die Bibel, oder?“ – Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Es ging um das „Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“. - Wer hat das letzte Wort über mein Leben und über die Menschheitsgeschichte? Als Christen sind wir überzeugt, dass derjenige das letzte Wort hat, der auch das erste Wort über unser Leben hat. Im Anfang war das Wort. Und alles ist durch das Wort geworden. Und das Wort ist Fleisch geworden. (Joh 1) In der Mitte des christlichen Glaubens steht daher nicht ein Buch oder ein Text, sondern eine lebendige Person: Jesus Christus. Das ist auf der Synode sehr deutlich geworden.
Durch die Synode hat die Bibel für einige Wochen eine breitere Öffentlichkeit gefunden. Mir ist wichtig, dass möglichst viele Menschen das Evangelium entdecken und danach leben. Dazu ein konkreter Vorschlag von mir für den „Durchschnittskatholiken“: Lesen Sie das Evangelium vom kommenden Sonntag schon vorher durch. Und selbst wenn Sie nur eine Minute dafür verwenden: Ich versichere Ihnen, es wird sich etwas in Ihrem Leben verändern!


Theologie Aktuell: Herr Bischof, Sie sind auch Vorsitzender des Kuratoriums der Theologischen Kurse; wo sehen Sie die Herausforderungen der Zukunft für die Theologischen Kurse?


In den Herausforderungen liegt die Zukunft der Theologischen Kurse! Religion und Religionen werden immer mehr ein öffentliches Thema. Da braucht es die katholische Vergewisserung – und zwar nicht nur an den Universitäten, sondern für weitere Kreise. Der klassische „Theologische Kurs“ oder das neue Projekt „Basisinformation Christentum“ erscheinen mir in dieser Hinsicht sehr wichtig. Theologie verstehe ich als „nachdenkenden Glauben“: Welche Bedeutung und Konsequenzen haben die Inhalte unseres Glaubens?! Darüber brauchen wir mehr Kenntnis. Innerhalb des gegenwärtigen „Megatrends Spiritualität“ besteht Informationsbedarf über christliche Spiritualität. Die Theologischen Kurse sind ein wichtiges Instrument, um über den Weg der Vernunft den Glauben zu stärken. Und das ist doch die wichtigste Aufgabe der Theologie: den Glauben zu stärken.


Theologie Aktuell: Herr Bischof, danke für das Gespräch!
Das Gespräch führten Erhard Lesacher und Stefanie Jeller.