Erntekrone
Weinstöcke mit Trauben
Pilgergruppe im Herbst
 
 

„Diese Krise ist keine Chance mehr!“

Der überhand nehmende Egoismus habe die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hervorgerufen, stellte Bischof DDr. Klaus Küng bei einer Podiumsdiskussion der Kath. Arbeitnehmerbewegung am Vorabend des 1. Mai im Bildungshaus St. Hippolyt zur Frage „Ist der Mensch für die Arbeit da oder die Arbeit für den Menschen“, fest. Und FCG-Gewerkschafter Andreas Gjecaj fürchtet weitere dramatische Auswirkungen: „Diese Krise ist keine Chance mehr“. In steigenden Zeiten des Wohlstandes habe niemand mit einer derartigen Krise gerechnet, meinte Küng. Er habe den Eindruck, dass viele Menschen glauben, dach dieser Krise werde es einfach weitergehen. Doch „wir erleben heute massiv zerstörerische Momente in der freien Marktwirtschaft“, warnte der Bischof und forderte auf, dass jeder heute Verantwortung für den anderen habe und diese auch wahrnehmen müsse.


Als dramatisch skizzierte Sabine Strobl, Frauenreferentin des Gewerkschaftsbundes Niederösterreich die Situation der Frauen. In der Einkommensdifferenz gegenüber Männern belege Österreich, obwohl einer der reichsten Länder, in der EU nur den vorletzten Platz. Mitten in Österreich komme es sogar vor, dass „Kinder, vor allem alleinerziehender Mütter hungern müssen, weil kein Geld da ist“, zeigte sie sich erschüttert.


Andreas Gjecaj, Bundessekretär der Christlichen Gewerkschafter stellte fest, dass man heute jegliches Maß und Maß halten verloren habe. Für Herbst befürchte er eine noch weitaus dramatischere Situation am Arbeits- und Beschäftigungsmarkt. „Diese Krise ist keine Chance mehr. Wir können unsere Art zu leben und zu arbeiten so nicht mehr weiterführen“, regte er ein radikales Umdenken an. „Wir müssen auf Solidarität setzen und wir brauchen neue Tugenden“.


DI Rudolf Svoboda, Vorsitzender der Vereinigung Christlicher Unternehmer der Diözese und Chef der Syoboda-Büromöbel, stimmte in die düstere Prognose mit ein. Manche Betriebe hätten 80 Prozent Auftragsrückgang und seien gleichsam zu Entlassungen gezwungen, erklärte er. Trotz sachgerechten, gesellschaftsgerechten und menschengerechten Wirtschaftens seien Kündigungen und Entlassungen für den Betrieb „existenznotwendig geworden, auch wenn es noch so grauslich ist“, sagte er wörtlich. Davon seien gerade die Schwächsten betroffen, müsse er zugeben.


Der Vorsitzende der Kath. Arbeitnehmerbewegung der Diözese, Anton Liedlbauer, unterstrich die Grundaussagen der Katholischen Soziallehre, dass jegliches Wirtschaften dem Menschen dienen müsse. „Ein Weg, der bei weitem schon verlassen wurde“. Eine neue Solidarität über alle Grenzen hinweg sei nötig, unterstrich er.


Für den Direktor der Katholischen Sozialakademie (KSÖ), Dr. Markus Schlagnitweit, ist ein Systemwechsel im gesamten Wirtschaftsbereich „nicht mehr nur eine Frage der Sinnhaftigkeit, sondern unbedingten notwendig“. Wenn das Wirtschaftssystem als solches nicht radikal reformiert werde, werde es bald wieder zur Krise kommen, warnte er. Als „politische Richtungsperspektive“ sieht er ein bedingungsloses Grundeinkommen, das durch technologische Entwicklungen möglich sein werde. Eine Vollbeschäftigungspolitik anzustreben sei hingegen „unmöglich und reine Illusion“.
Die Kirche selbst, so Schlagnitweit, müsse in der aktuellen Krise jener Ort für Menschen sein, an dem sie ihre Sorgen und Probleme sprechen können, sie müsse mit jenen teilen, die nichts haben und sie müsse neue Perspektiven aufgreifen und bisherige Denksysteme in Frage stellen.